blond, 10/2003

Unter Uns

Hinweis: Job & Future und Blond haben definitv das selbe Interview als Grundlage. Es gibt aber jeweils "exklusive" Passagen.

Christian Ulmen, 28, ist ein Unikat. Nach seiner MTV-Karriere versucht er sich jetzt als Schauspieler. In „Herr Lehmann“, der Verfilmung des Kiezromans von Sven Regener, spielt Christian die Hauptrolle. Blond hat ihn in Kreuzberg getroffen.

BLOND: Christian, seit 13 Jahren machst du bereits Radio und Fernsehen in moderierender Funktion. Ist Schauspiel deine neue Mission?

Ulmen: Wenn du moderierst, zeigst du nur einen Teil von dir. Dieses Ammenmärchen stimmt ja nicht, dass Moderatoren authentisch seien. Sie sind maximal natürlich. Bei mir kam das Spielen der verschiedenen Figuren in „Unter Ulmen" dazu. Was diese Leidenschaft immer wacher werden ließ. Neue Mission? Ja.

Der Trend geht dahin, dass immer mehr Moderatoren zur Schauspielerei wechseln. Der Grund ist der Bekanntheitsgrad und die Folge, dass die Kinokasse klingelt. Schon unfair den ganzen talentierten Jungschauspielern gegenüber, oder?

Ich habe diesen Vorwurf schon oft gehört. Gerade von gelernten Schauspielern. Und ich muss ehrlich zugeben: Ich hatte einen Anflug von schlechtem Gewissen, als ich die Rolle bekam. Ich würde aber nur dann von Unfairness sprechen, wenn ich weniger Herzblut gezeigt hätte als die anderen. Ich habe das aber sehr ernst genommen. Außerdem war ich neunmal beim Casting. Das war schon eine faire Prozedur.

Als Herr Lehmann bekommst du auf die Mütze, bist unglücklich verliebt und dein bester Freund dreht durch. Gibt es Parallelen zu deinem Leben?

Das Schöne an Herrn Lehmann ist, dass die Figur so viel bietet, mit dem du dich identifizieren kannst. Da finde ich mich genauso oft wieder wie jeder andere auch.

Leidenschaftlich sprichst du über Themen, die ins Absurde abdriften, wodurch dir keiner mehr folgen kann.

Bei „Unter Ulmen" ist das auch beabsichtigt. Außerdem müssen mir die Leute nicht folgen, weil ich es manchmal selber nicht mehr kann. Meistens verliere ich den Faden.

Hast du die Fassung verloren, als man dich zum Abspecken zwang?

Es war nun mal der Wunsch des Produzenten, dass man sich ansehnlich präsentiert. Ich habe natürlich erst gesagt: „Moment mal, der Lehmann trinkt doch auch viel Beck's!" Letztendlich hat es mir aber gut getan, mich mal wieder zu bewegen.

Bewegen wir uns doch mal ein paar Jahre zurück: 1989 ist die Mauer gefallen; es ist die Zeit, in der „Herr Lehmann" spielt. Wie hast du vom Fall der Mauer erfahren?

Ich wohnte damals noch in Hamburg und habe es erst am nächsten Morgen erfahren. Da stürmte mein Vater aus der Dusche und das war auch das erste Mal, dass ich ihn nackt sah.

Hat dich das berührt?

Meinen Vater nackt zu sehen...?

Nein, der Mauerfall.

Ach ja, der Mauerfall... Ich war 14 und weiß gar nicht mehr, ob ich darüber froh war, dass die Menschen ihre Freiheit wiederhatten oder weil die Schule ausgefallen war.

Der Film spielt hauptsächlich in Kreuzberg. Hat sich der Stadtteil deiner Meinung nach verändert?

Das kann ich gar nicht beurteilen, weil ich mich an dieser ganzen Urbanen-Lebenskultur-Diskussion nicht beteilige. Ich sehe zwar auch, dass in Mitte andere Heinis rumlaufen als in Kreuzberg. Aber mir würde niemals ein Stadtteil Kopfschmerzen bereiten.

Und das Älterwerden? Schließlich gehst du auf die 30 zu.

Na ja, da liegen noch ganze zwei Jahre dazwischen. Aber ich habe keine Angst davor, das ist mir ziemlich egal.

Du hattest aber mal eine Phase in deinem Leben, in der du vor allem Möglichen Angst hattest: vor Krankheiten, vor der Pleite... Hast du die jetzt überstanden?

Ein bisschen wurde die Angst gedämpft durch die zahlreichen Versicherungen, die ich dann abschloss. Eine Rechtsschutzversicherung, Lebensversicherung... Seither geht es mir besser, ich fühle mich sicherer.

Woher kamen diese Ängste?

Ich hatte schon immer hervorragende Angstgene. Wenn ich als Kind im Schulbus saß und irgendwelche Typen nur im Ansatz so aussahen, als könnten sie ein Butterfly-Messer ziehen, bin ich ausgestiegen und hab' gewartet, bis der nächste Bus kam. Ich habe aber keine Ahnung, woher das kommt, manchmal sitzt du eben da und hast Angst.

War ein Grund, warum „Unter Ulmen" ausgelaufen ist, die Angst vor dem Versagen?

Nein. Das war das Nachlassen der Leidenschaft und dann muss man ehrlicherweise auch aufhören. Sonst wird es schlecht. Die Routine war da und ich war gelangweilt.

Und was macht „dein Bruder" Christoph jetzt? Schließlich mischte er auch bei „Unter Ulmen" mit, als Volldepp.

Ja, Christoph, ähm... der hängt so rum. Aber ich habe schon überlegt, ihn wieder aufleben zu lassen. In zukünftigen Formaten. Es gab ja wirklich Leute, die es nicht gemerkt haben, dass ich es war. Ich habe ganz böse Briefe bekommen, wie charakterlos ein Mensch sein müsse, der seinen Bruder vor der Kamera so fertig macht. [lacht]

So wie du auch immer deine Gäste verarscht hast...

Das habe ich nie getan, obwohl es so viele Leute behaupten. In Wirklichkeit waren die Talks nicht krasser als die von Beckmann oder Kerner.

Das ist ja mal ein Geständnis.

Dafür bin ich einfach zu desinteressiert an meinen Gästen gewesen. Ich habe lieber über irgendeinen Schwachsinn geredet.

Die liebe Schwester Ironie?

Schwester? Eher eine Kollegin, weil man mit ihr arbeitet. Aber es gab eine Zeit, da wurde Ironie missbraucht, und das hat genervt.

Missbraucht wird auch das deutsche Fernsehen. Inzwischen wird ja alles aus den USA kopiert.

Ja, aber „Unter Ulmen" war deutsches Kulturgut...

Sorry, dass ich unterbreche: Du erinnerst mich gerade an Heinz Erhardt.

Das verstehe ich nun gar nicht...

Es ist deine Stimme.

Aber der ist doch schon tot, oder?

Ja, aber du könntest sein verlorener Sohn sein. Zurück zum Kulturgut...

Wo waren wir noch gleich? Ach ja, bei der Amerikanisierung, was ich übrigens nicht schlimm finde. Wenn es gut ist, kann und muss man es hier zeigen. Viel mehr stört mich die Übernahme von amerikanischen Floskeln, by the way. Alle auf „success tour" und „trendy"... Das sind nervige Heckspoiler prolliger Moderationen, die von Trägheit zeugen. Da muss ich sofort abschalten.

Wann muss man bei dir abschalten, um nicht durchzudrehen?

An mir ist einfach alles schätzenswert. Und selbst wenn ich eine schlechte Eigenschaft habe, ist es nur eine liebenswerte Marotte.

Übel werden wir dir aber nehmen, wenn du uns nicht bald wieder mit einer Show beglückst.

Absurde Formate sofort! Aber sie müssen anders sein wie „Unter Ulmen". Man kann nichts Neues erfinden, aber es anders verpacken. Ich würde aber gerne nochmal einen Film drehen, nur muss er mich wieder so packen wie „Herr Lehmann".

Bis denn dann…

(BLOND, 10/2003)

Gelb-grelles Hühnchen, großmäuliger Show-Host, vielversprechender Mime, Querkopf im Fischauge, euer Freund, neuer bester Freund? Wer ist Christian Ulmen?