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Brigitte Young Miss, 10/2003Im Café mit Christian UlmenHumor – davon hat er ganz viel. Nicht bloß im Film und Fernsehen, auch im Café. Autorin Alexa Hennig von Lange traf „Herrn Ulmen“ in Berlin und sprach mit ihm über Fettaugen, Rennmäuse und die Tücken einer Fernsehkarriere. Christian Ulmen sitzt neben mir, und wenn ich nicht genau hingucke, habe ich das Gefühl, mit „Herrn Lehmann“ aus dem Film zu sprechen. Christian und „Herr Lehmann“ sind leidenschaftliche Redner. Um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen, wird tüchtig gestikuliert. Trotzdem sind die beiden ganz verschieden: Christian lacht sehr viel. Und er weiß genau, was er will. Alexa Hennig von Lange: Deine Sendung „Unter Ulmen“ auf MTV hast du aufgegeben. Bist du jetzt ausschließlich Schauspieler? Ulmen: Nein. „Herr Lehmann“ war eine große Chance. Das war eine fantastische Rolle, ein gutes Buch. So was kommt so schnell nicht wieder.Ein schönes Angebot würdest du aber nicht ausschlagen, oder? Nein.Wie war es, nach dem Dreh der Liebesszene in „Herr Lehmann“ zu deiner Freundin zurückzukehren? Wie wir nachts gearbeitet haben, war meine Freundin schon weg, als ich morgens kam. Ich konnte es also gar nicht erzählen. Sie hat es dann hinterher im Film gesehen und ist sehr sachlich damit umgegangen. Ich musste sie sogar necken und sagen: „Na, bist du eifersüchtig?“Ach was. Ja, weil nichts kam. Ich wollte, dass sie reagiert.Sie ist sehr souverän. Zu souverän. Kleine Eifersuchtsszenen in einer Beziehung finde ich ganz erquicklich.Ich weiß nicht. Streiten ist anstrengend. Das finde ich gerade das Gute daran. Man verliert Kalorien. Andere treiben Sport.Schreit ihr euch an? Wenn wir streiten, dann richtig laut.Über mehrere Stunden? Man verliert das Zeitgefühl.Haben sich deine Eltern gezankt? Natürlich.Hast du Geschwister? Eine Schwester.Was machen deine Eltern beruflich? Seitdem wir Kinder ausgezogen sind, arbeitet meine Mutter bei einer Telefon-Hotline. Mein Vater ist Stadtplaner.Das heißt, er bestimmt, wo ein Baum stehen soll. Ja, und wo Sozialwohnungen errichtet werden. Solche Sachen. Darum haben sich die Mitschüler auch immer beschwert, wenn bei ihnen um die Ecke ein schönes Haus abgerissen wurde. Dann war immer mein Vater schuld.Dafür dachten meine Mitschüler, dass ich eine Prinzessin bin und in einem Schloss lebe. Warum?Na, wegen „von Lange“. Haben sie dich gemieden?Ja, aber nur weil ich keine Sarah-Kay-Sachen besaß. Außerdem hatte ich Schinken auf meinem Pausenbrot, die anderen Nutella. Hast du dein Pausenbrot gegessen?Nein. Nie. Ich auch nicht. Freitags hatte ich fünf vergammelte Brote in der Schultasche. So eine Art Biotop.Trotzdem hat sich mein Vater immer viel Mühe mit meinem Schulbrot gemacht. Mein Vater hat meine Schulbücher in seine alten Stadtpläne eingewickelt.Wozu das denn? Na, zum Schutz.Und woher wusstest du, welches Buch für welches Fach ist? Das hat mein Vater drauf geschrieben: MATHE. DEUTSCH.Was für ein Verhältnis hattest du zu deiner Mutter? Ein gutes. Ich habe Witze an ihr ausprobiert.Was für Witze? Na, irgendwelche Scherze. Einmal wurde bei uns das Telefon repariert. Um zu sehen, ob es wieder heil ist, wählte der Reparateur eine geheime Nummer und legte auf. Als es klingelte, wusste er, dass der Apparat wieder funktioniert. Diese Nummer habe ich mir gemerkt. Es war ein großer Spaß, aufzulegen, wegzugehen und es klingeln zu lassen. Meine Mutter ist immer wieder drangegangen: „Ulmen?“ Und dann kam das pfeifende Testsignal. Solche Sachen habe ich oft mit meiner Mutter gemacht.Warum? Weil sie ziemlich schnell aus der Fassung zu bringen war. Sie führte unterhaltsame Kunststücke in Sachen Wutausbruch vor.Wie habt ihr damals gewohnt? In einem Haus. Wir hatten das obere und das untere Stockwerk. In der Mitte wohnte ein anderer Mieter.Wie habe ich mir das vorzustellen? Zuerst wohnten wir nur im Erdgeschoss. Dann zog oben jemand aus, und meine Eltern haben die Etage dazugemietet. Oben waren Schlaf- und Kinderzimmer und unten Küche und Wohnraum. Nachts musste man sehr leise sein, wenn man hochging, um den Zwischenmieter nicht zu wecken.Ihr seid durch seine Wohnung geschlichen? Nein, durchs Treppenhaus.Und warum ist der Mieter nicht einfach unten eingezogen? Da hatten wir uns schon breit gemacht, außerdem wollte er den Balkon haben und wir den Garten.Hattest du Haustiere? Ja, zwanzig Wüstenrennmäuse.Was hast du mit denen gemacht? Angeguckt und rausgeholt. Viele waren bissig. Das war fies. Während mir die Zähne in die Hand gedrückt wurden, musste ich zurück zum Käfig rennen. Ich konnte die Viecher ja nicht loslassen, dann wären sie weg gewesen.Schwupps hinter den Schrank, und da bleiben sie. Ja, es gab aber auch brave Mäuse. Spannend war, wenn die Nachwuchs bekamen. Dann musste ich schnell die Mäuseriche wegtun, damit sie die armen Babys nicht auffressen.Wann hattest du deine erste Freundin? Oh, das war spät. Erst so mit 18.Gibt es etwas an dir, was du nicht leiden kannst? Spontan nicht. Das verdrängt man ja auch. Obwohl, mein Essverhalten stört mich. Mein Hang zu fetter Nahrung. Ich esse gern fett. Beim Steak am liebsten die Fettaugen. Schon als Kind habe ich nur das Weiße vom Speck gemocht.Warst du ein Pummelchen? Nein, ich war ein sehr guter Verwerter. Ich habe erst jetzt, im hohen Alter, damit zu kämpfen. Für „Herr Lehmann“ musste ich 15 Kilo abnehmen. Die Produzenten wollten, dass ich im Kino ansehnlich bin.Findest du dich erotisch? Nee. Gar nicht.Nicht mal, wenn du über die Straße gehst und die Leute gucken? Nee! Ich habe es nicht so mit dem Äußerlichen. Dass ich denke: Ah, geil, ich seh toll aus!In deinem Leben spielt Erotik also keine Rolle? Doch schon. Aber nicht auf der Straße.Bist du ein Genie? Es gibt viele Leute, die über sich sagen: „Ich bin ein Genie!“ Um ihre eigene Fehler mit „Genie-Sein“ zu entschuldigen. Das ist eine unsympathische Eigenschaft.Für wen hältst du dich? Eher für einen Wahnsinnigen. Aber das ist eigentlich auch Quatsch.Wie würdest du dich mit einem Wort beschreiben? Ulmen (lacht).Magst du Lob? Man sehnt sich danach, aber wenn es kommt, findet man es unangenehm. Kritiken sind aber auch furchtbar.Bist du in deiner Karriere gefördert worden? Ja, meine Eltern bezahlten mir Videobänder für den „Offenen Kanal“?Was ist denn ein „Offener Kanal“? Das war eine tolle Einrichtung in Hamburg. Da konntest du hingehen, bekamst kostenlos Kameras und Fernsehstudios zur Verfügung gestellt und durftest eine Stunde Sendezeit pro Monat füllen. Wie du wolltest.Und was hast du gemacht? Ich habe Jugendmagazine moderiert, die so aussehen sollten wie „Der heiße Stuhl“ von Ulrich Meyer. Das war eine RTL-Sendung Anfang der Neunziger, in der wurden Politiker ins Kreuzverhör genommen.Und du hast eine Persiflage darüber gemacht? Nee, eben nicht. Ich war damals zwölf Jahre alt und meinte das schon ernst. Aber es wurde immer sehr gelacht, und alle haben gesagt: „Super, wie du das Fernsehen hochnimmst.“ Irgendwann habe ich es dann selber als Persiflage tituliert. Obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte.Wie hast du dich auf die Sendung vorbereitet? Im Studio stand eine Couchgarnitur, und zur Deko hatte ich CDs an Drahtspiralen gehängt, in denen das Licht so schön spiegelte. Das war die Kulisse. Dann habe ich mir davorgestellt und wie Ulrich Meyer geredet. Mit einer Stimme, die noch gar nicht im Stimmbruch war. Ich habe komplett den Ulrich-Meyer-Gestus nachgemacht. Ich stand da mit Brille und redete gegen Kriegsspielzeuge und Atomkraftwerke. Ich glaube, ich hätte mich als Zuschauer gehasst (lacht).Haben sich das deine Eltern angesehen? Ja, mit Begeisterung.Wurdest du von deinen Mitschülern bewundert? Diese Fernsehgeschichte hat mich eher zu einem Sonderling gemacht. Damals wollten noch nicht alle Superstar-mäßig zum Fernsehen.Warum du? Das ist schwer zu erklären. Dem lag kein Auftrag zu Grunde, ich hatte keine Botschaft, für die ich das Medium Fernsehen nutzen wollte. Oft musste ich mir im Studio noch ausdenken, was ich überhaupt sagen könnte.Wolltest du berühmt werden? Nein.Du warst eher ein Nerd. Ja, genau so ein Typ. Ich habe mir vom Konfirmationsgeld einen Videorekorder gekauft, Sendungen aufgenommen und angeschaut. Nächtelang saß ich im „Offenen Kanal“ und habe Sachen geschnitten. Das reizte mich. Vielleicht weil wir zu Hause nur einen Schwarzweiß-Fernseher hatten, keinen Kabelanschluss. Meine Freunde besaßen bunte, große Fernseher, dreißig Programme.Gab es ein einschneidendes Erlebnis, von dem du sagen würdest: Da bin ich erwachsen geworden? Ich warte noch darauf.Bist du noch der Christian, der du als Kind warst? In bestimmten Momenten, ja. Mit mehr Erfahrung.Gibt es etwas, was du bereust? Mit 18 habe ich ein Jahr lang „Disney & Co“ auf RTL moderiert. Das war hart. Sie haben mir meine Brille weggenommen, mir eine Prinz Eisenherz-Frisur geföhnt, und plötzlich musste ich Goofy ansagen. Ich wurde richtig gedemütigt.Wie das? Einmal sollte ich eine Moderation rappen. Um das irgendwie erträglich für mich zu machen, habe ich versucht, die Sache zu persiflieren und mit dem Finger geschnalzt. Aber der Regisseur hat gesagt: „Das ist Quatsch. Du weißt doch, wie der MC Hammer das macht.“ Ich war ganz steif. Ich konnte das nicht. Um mich herum ein Haufen zwölfjähriger Kinder. Der Regisseur hat einen Jungen aus dem Publikum geholt und gesagt: „Zeig dem mal, wie das geht!“Gleichzeitig bist du noch zur Schule gegangen. Was dumm war, weil ich ständig beurlaubt werden musste, um nach München zum Dreh zu fahren. Dadurch wurden meine Schulfreunde erst do richtig aufmerksam auf den Scheiß, was mir ziemlich peinlich war. Alle haben Guns N’ Roses gehört und waren Metallica-Fans, und ich habe mich um Goofy und Mickimaus gekümmert. Ziemlich uncool, natürlich.Dafür hast du gut verdient. Ja. Ich bin nur noch Taxi gefahren und habe mir ein großes Schlagzeug gekauft.Gab es Neider? Vereinzelt. Einmal fragte ich einen Mitschüler: „Gibst du mir mal dein Gemeinschaftskundeheft, dass ich das nachholen kann?“ Er sagte: „Nein!“ Ich fragte: „Wieso?“ Er: Ich finde es ungerecht, dass du arbeiten darfst, während wir in der Schule sitzen müssen. Du verdienst Geld und gibst deinen Einstand beim Fernsehen. Darum kriegst du es nicht.“Mit wem hast du über deine Tätigkeit geredet? Nur mit engen Freunden. Diese Sache hat mich fertig gemacht. Ich war da sehr unglücklichWarum bist du dann dabeigeblieben? Zuerst fühlte ich mich gebauchpinselt, dass ich der Auserwählte bin, und so leicht kommt man aus einem Vertrag auch nicht raus.Wann bist du von zu Hause ausgezogen? Mit 21. Als ich zu MTV nach London ging. Ich habe da zweieinhalb Jahre lang „MTV Hot“ moderiert.Sind deine Eltern stolz auf dich? Manchmal ja. Wobei meine Mutter es heute noch gern sehen würde, dass ich studiere und was Vernünftiges mache. Sie hat auch schon mal versucht, mir das als PR-Aktion zu verkaufen. Sie meinte, es würde sich in den Zeitungen toll machen, wenn es heißt: „MTV-Moderator gibt Job zu Gunsten eines Studiums auf“. Sie würde es sogar toll finden, wenn ich mit 45 sagen würde: „Ich studiere jetzt doch mal was!“Dann müssten deine Eltern dich finanziell unterstützen. Vielleicht haben sie noch was auf der hohen Kante, was sie endlich loswerden wollen?Willst du Kinder haben? Irgendwann mal.Wie, irgendwann mal? Wenn die Zeit reif ist.Du kommst doch jetzt auch schon in die Jahre. Wieso? Wie alt muss man denn sein? Wann ist Schluss?Bei Männern ja grundsätzlich nie. Aber ist doch schön, wenn man ein junger Vater ist. Ich hätte nichts dagegen, wenn’s passieren würde, aber ich plane es nicht.Hast du Angst? Ja, viel Angst.Wovor? Vor allem: Vor Pleite. Krankheit, Tod. Schlimm sind diese Gesundheitsmagazine, „Praxis" und so. Wenn du Sodbrennen hast, kann das ganz bös sein, schon ein Vorzeichen für Gallenkrebs. Das ist schrecklich.Was machst du dagegen? Im Internet auf die Medizinseiten gehen. Mal kann es beruhigen, mal macht es noch fusseliger, weil man den Fachjargon nicht kapiert.Gehst auch zu Ärzten? Ich habe mich gerade komplett durchchecken lassen. Wenn der Arzt mit seinem Ultraschallgerät meine Niere und Leber anguckt und sagt: „Es darf ruhig noch ein Glas mehr Wein am Abend sein“, geht für mich die Sonne auf.Wie alt möchtest du werden? 89.Wieso 89? Ich glaube, dann geht es los mit dem Gebrechen. Aber wenn ich mit 100 noch rüstig sein sollte, hätte ich auch nichts dagegen.(BRIGITTE YOUNG MISS, 10/2003) |
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Gelb-grelles Hühnchen, großmäuliger Show-Host,
vielversprechender Mime, Querkopf im Fischauge,
euer Freund, neuer bester Freund?
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