![]() | |||||
![]() | ![]() | ![]() | ![]() | ![]() | ![]() |
Berliner Zeitung, 29.11.2003Das Ende des RebellentumsChristian Ulmen hatte eine Sendung bei MTV und spielte den Herrn Lehmann - mit dreißig will er nicht mehr rauchen. BERLINER ZEITUNG: Wie war dein 28. Geburtstag? Ulmen: Wird wie alle gewesen sein. Geschenke bekommen und versucht, den Tag zu ignorieren. Wieso?Der 28. ist doch viel wichtiger als der 30. Alle großen Rock n Roller - Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain - sind mit 27 gestorben. Echt wahr? Haben alle das 27. Lebensjahr erreicht oder sind mit 27 gestorben?Eine kleinliche Herr Lehmann-Frage. Sie sind mit 27 gestorben. Ja, dann ist es wohl der 28., wo es vorbei ist mit Rock n Roll. Ich habe neulich mal darüber nachgedacht, weil ich mir oft den Vorwurf anhören musste: Du bist ja gar nicht mehr so rebellisch bei MTV, das ist alles so nett geworden, freundlich, persönlich. Was aber so nicht stimmt. Vielleicht ein bisschen, weil man sich beruhigt hat, aber in erster Linie ist das Programm um einen herum rebellischer oder böser, lauter und krachender geworden. Man wirkt vermeintlich brav neben Shows, wo man sich die Pobacken zusammenpiercen lässt, Jackass und neben Freakshow und was es alles gibt. Und es gibt auch gar keinen Grund mehr, leider, zu rebellieren.Wieso nicht? Natürlich gibt es noch Gründe, aber lautes Rebellentum wie früher bei MTV Hot, das ist gar nicht mehr nötig. Ich kriege jetzt Ansagen von der Programmdirektion: Werd doch mal härter. Mach s doch mal wie bei Jackass. Kotz doch mal. Bei MTV Alarm habe ich mich tatsächlich mal erbrochen über dem Foto eines Kollegen, und da wurde ich zum Programmdirektor zitiert. Nicht wegen des Kollegen, sondern weil ich mich im Fernsehen erbrach.Das ging dann selbst bei MTV nicht? MTV war damals ja noch Will Smith-Chewing-Gum-Pop-Happiness-Sender. Ray Cokes war schon bös, aber der hätte nicht gekotzt. Diese Rebellenschiene ist ja erst später entstanden.War das Rock n Roll-Fernsehen, was du gemacht hast? Weiß ich nicht. Aber meine Pubertät hielt da noch an, ich bin ja direkt nach der Schule zu MTV gekommen, und ich habe mir vom Programmdirektor nicht gerne sagen lasse, was ich trage. Plötzlich HipHop-Hosen anziehen wie die anderen Kollegen, das war mir zuwider. Ich hatte den Drang, der normal ist für Pubertierende, gegen den Strom zu schwimmen. Gerade dann einen Cord-Anzug zu tragen, wenn eigentlich Netzhemden angesagt sind. Und wenn ich nicht in der Nase bohren sollte, habe ich zwei Sendungen gemacht, wo ich unentwegt in der Nase bohrte. Der klassische Trotzweg.Verdammt viel Selbstvertrauen, das zu machen, auch wenn es dem Programmdirektor nicht passt. Das war damals nicht so schlimm. Du wirst ja nicht geohrfeigt. Da sitzt der Programmdirektor in Jeans und kleckert aus der Kaffeetasse und sagt: Das nächste Mal nicht so. Das ist etwas anderes als beim Bayerischen Rundfunk, stelle ich mir vor. Es ist nur interessant, dass man solche Sachen damals nicht durfte, heute ist es Pflichtprogramm. Auch für den Zuschauer kann man heute nichts mehr reißen, der kriegt ja schon alles geboten. Ich hatte damals den Wunsch, das, was man auf der biederen Moderatorenschule lernt, zu brechen und dem Zuschauer etwas zu geben, was ich auch gerne gesehen hätte. Jetzt gibt es nur noch die Motivation, das, was man tut, gut zu machen. WWolltest du schon immer zum Fernsehen? Ja, schon als Kind. Weil wir nur einen kleinen Schwarzweiß-Fernseher hatten und nur ARD und ZDF. Ich durfte nicht viel fernsehen. Ich habe immer um einen Kabelanschluss gebettelt und einen größeren Fernseher und bin dann zu Freunden gegangen, die Kabelanschluss hatten. Da saß ich gebannt vor Knight Rider und RTL, die damals wirklich ein innovatives Programm hatten. Ich habe mir dann zu Hause aus Pappkartons selber Fernseher gebaut.Und dich selbst reingestellt. Klar.Welche Sendungen durftest du denn sehen? Sesamstraße, und heimlich habe ich Ein Colt für alle Fälle geguckt. Aber wirklich heimlich. Wetten, dass... haben wir zusammen geguckt.Die klassische Samstagsabends-Veranstaltung. Vier gegen Willie, diese ganzen Shows. Als ich älter wurde, habe ich angefangen, Sendungen zu gucken wie Panorama oder Monitor. Nicht, dass ich da schon verstanden hätte, worum es ging. Aber ich spürte den investigativen Geist. Die brechen jetzt in Büros ein und verhören vor der Kamera Menschen, die etwas Schlimmes gemacht haben müssen. Und Leute halten die Kamera zu und wollen nicht interviewt werden. Das fand ich spannend.1992 hast du den "Junior-Reporter-Preis" von RTL bekommen. Wofür? Für eine Reportage, Das Auto in der Stadt. Da habe ich zuerst nach Gründen gesucht, warum man in der Stadt Auto fahren muss, und keine gefunden. Dann habe ich Autofahrer gefragt, warum sie das machen. Das war ein Fünf-Minuten-Bericht und der hat funktioniert, weil sich die Autofahrer so aufgeregt haben. Da kommt so ein kleiner Typ, ich war 15 oder 16, und fragt: Warum fahren Sie mit dem Auto? Schädigt doch die Umwelt! Und die haben dann gesagt: Ich habe schon Umweltschutz betrieben, da warst du noch nicht geboren. Ein anderer meinte: Ich arbeite doch seit 20 Jahren mit Behinderten. Großartig.Auf dem Schulhof deines ehemaligen Gymnasiums in Hamburg steht gerade eine Litfaßsäule mit dem Plakat von "Herr Lehmann", den du spielst. Die Sache ist für mich absurd, weil ich an der Stelle, wo die Säule heute steht, mit dem Fahrrad über den Schulhof fuhr, was verboten ist, angehalten wurde und die Schulordnung abschreiben musste. Da gehen heute ein paar Lehrer an meinem Plakat vorbei, die mir früher sehr gerne Fünfen gaben. Eigentlich ein Traum.Wie muss man sich den 15-jährigen Christian Ulmen vorstellen? Klassenclown oder Schluffi in der letzten Bank? Hing vom Fach ab. In Mathe, Physik, Biologie habe ich nichts gesagt. Aber es gab auch Fächer, wie Deutsch, wo ich mich sicherer fühlte. Da habe ich Anwandlungen zum Klassenclown gehabt. Aber generell eher verträumt. Dauernd aus dem Fenster geguckt und so. Darstellendes Spiel hatte ich ja auch noch. Das war schwierig.Wieso? Weil der Lehrer sehr auf Dadaismus stand und ich eher das naturalistischere Spiel mag. Bei ihm musste man das R rollen und große Gesten machen. Seine Inszenierungen hatten schon was, aus Zuschauersicht. Aber ich war peinlich berührt, wenn ich mich so dadaistisch bewegen musste. Ich glaube nicht, dass der Kurs viel gebracht hat für meine jetzige Arbeit. Das war eher der Deutschunterricht, weil ich einen begnadeten Lehrer hatte. Doktor Wilde. Das war einer, den man mochte, der hat einen angesteckt. Doktor Wilde hatte ein Faible für die deutsche Sprache und hat uns zum Beispiel auf Anglizismenfang geschickt. Er hat es geschafft, uns das sympathisch zu vermitteln. Durch diesen Lehrer habe ich bis heute eine Aversion gegen alle Anglizismen.Hast du Sehnsucht nach Hamburg? Ich bin manchmal da, meine Eltern leben noch dort. Sehnsucht? Eher nach London. Aber es gibt da viele Parallelen. Ich habe zweieinhalb Jahre in London gelebt. Diese hanseatische Zurückhaltung haben sie dort auch. Du sitzt in der Kneipe und lernst niemanden kennen. Das ist in Hamburg ähnlich. Nach dem Abi wurden meine Eltern schon unruhig, was mit mir wird, also habe ich mich an der Uni eingeschrieben, für Theologie, weil das keinen Numerus Clausus hatte. Ich war einmal da, dann kam das Angebot von MTV. Zwei Wochen später war ich in London. London war für mich der pure Befreiungschlag.Der begeisterte Monitor-Seher bei MTV. Das war eine Entwicklung. Ich war vorher im Kinderprogramm bei Disney. Brutaler konnte man meine ganzen naiven Wünsche und was ich mir erhoffte als investigativer Moderator, nicht brechen. Ich habe gelernt, dass ich die Sätze, die auf den Karten standen, auch sprechen muss, aber das waren nicht meine Worte. Du durftest keine Brille tragen, weil das krank ist bei Disney. Keine schwarze Farbe auf der Kleidung, und du musstest immer lachen. Ich fand das uncool, als Moderator zu lachen, und habe mich unentwegt geschämt. Dann brach das weg und ich entwickelte eine zynische Haltung gegenüber dem Fernsehen. Auf dem offenen Kanal habe ich dann meinen ganzen Fernsehhass rausgelassen und auf Bös-Moderator gemacht. Die Leute riefen an und wir haben uns gegenseitig beschimpft. Bei MTV hatte ich das Gefühl, auf ähnliche Art weitermachen zu können. Das hatte weniger mit Selbstbewusstsein zu tun als mit legitimer Trotzhaltung.Wie haben deine Eltern auf den Studienabbruch reagiert? Die waren ganz froh. Ich hatte nach dem Abi eine Hängerphase, wo ich nichts gemacht habe. Das konnten sie nicht ertragen, dass der Sohn oben in seinem Zimmer sitzt und abends lange weggeht. Sie wollten, dass ich mal anfange zu arbeiten, da musste ich Schuhe verkaufen. MTV war für sie auch okay. Jetzt hat er einen Job und lernt das Leben kennen, dachten meine Eltern. Und als ich bei MTV anfing, gab es bei uns zu Hause auch ganz schnell Kabelanschluss.Mit "Unter Ulmen", deiner bekanntesten Sendung, hast du dieses Jahr aufgehört. Wie geht es weiter? Ich mache jetzt eine Weihnachtssondersendung, und dann gibt es immer mal wieder Aktionen bei MTV, wo ich auftauche. Es bringt nichts, wenn du keine Idee hast für ein größeres Format, und ich habe gerade keine. Da sollte man nichts auf Krampf machen.Passt du nicht mehr zu MTV? Habe ich eigentlich nie. Was ich gemacht habe, war ja nie cool im MTVschen Sinne oder im jugendkulturellen Pop-Sinne. Das war immer dagegen. Heute wäre es rebellisch, eine Stunde lang in einem Ohrensessel vor dem Kamin zu sitzen und aus Büchern vorzulesen. Alles zurückzuschrauben. Ganz klein. Aber es wäre auch langweilig.Du hast gerade einen ZDF-Krimi gedreht, was du früher nie gemacht hättest. Spielst du für das ZDF den Mörder oder die Leiche? Ich spiele einen Dorfbewohner, eine verschrobene Gestalt, den Dorfpolizisten. Ich versuche zusammen mit Kommissarin Rosa Roth Licht ins Dunkel zu bringen. Aber von Krimis darf man vorher nicht so viel erzählen.Nach "Herr Lehmann" wurdest du auffällig oft dafür gelobt, dass du so angenehm nicht-schaupielerst. Oder es wurde bemerkt, du würdest so schön dich selbst spielen. Ist das ein Kompliment? Ich verstehe das nicht. Es gab bei MTV schon die Ansage, wenn man nervös war: Sei einfach du selbst. Was heißt das? Es ist ein Irrglaube, dass du in einem Fernsehstudio, wo drei Kameras stehen und einer von zehn runter auf Null zählt und bei Null bist du live auf Sendung, einfach du selbst bist. In so einer Situation befindest du dich als du selbst im Alltag ja nie. Das ist eine ganz künstliche Situation, und dann musst du dein Selbst für diesen Moment eben erfinden und spielen. Wenn im Film die Klappe geschlagen wird, bist du auch nicht du selbst, sondern hast einen Text gelernt. Dann musst du dir überlegen, wie würde diese Person das jetzt glaubhaft sagen. Du wirst ja nicht real beim Biersaufen gefilmt, sondern du sitzt da und tust so, als würdest du dich betrinken.Ich hatte auch eher den Eindruck, du würdest Sven Regener spielen. Wir hatten uns nicht getroffen. Es mag an den Regieanweisungen von Leander Haußmann gelegen haben. Wir haben überlegt: Wie sitzt Herr Lehmann an der Bar. Hm, der sitzt wohl so (lehnt sich tief auf den Tisch). So sitzt auch Regener, wie ich dann später festgestellt habe.Mag er den Film? Ja, er würde auch sagen, wenn nicht. Er sieht das sehr professionell und sagt: Der Film ist logischerweise was anderes als das Buch. Es gibt Punkte, die er nicht mag, aber insgesamt lobt er den Film.Bist du denn einverstanden damit, dass Haußmann den Focus weniger auf die magische Grenze des Dreißigwerdens gerichtet, sich mehr auf das Kreuzberger Lebensgefühl verlegt hat? Für mich war der 30. Geburtstag nicht wesentlich. Jeder sucht sich aus dem Buch etwas aus. Das Älterwerden, das Leben in Kreuzberg, Selbstfindung. Für mich war es das verschrobene Denken des Herrn Lehmann und seine Regeln. Man darf zum Beispiel nicht frühstücken.Wann hast du das letzte Mal an deinen kommenden 30. Geburtstag gedacht? Bei all den Interviews zum Film. Ich fühle da noch nichts Schlimmes. Vielleicht, wenn die Zahl dann amtlich wird. Das ist auch so ein Lehmann-Ausdruck: amtlich.Was ist dein Lieblingsfilm über das Älterwerden? Da gibt es eine Comic-Adaption über zwei 16-jährige Mädchen, zwei selbsternannte Außenseiter. Steve Buscemi spielt da mit, einen Plattenhändler. Wie hieß der Film noch? Ich kann jemanden anrufen.Ghost World. Genau. Ich finde 20 werden viel spannender als 30.Mit 30 steht Familienplanung an. Das passiert doch schon vorher. Irgendwann stellst du zum Beispiel fest, dass du dich um Versicherungen kümmern musst.Hast du einen Bausparvertrag? Das nicht, aber eine Lebensversicherung, die ausgezahlt wird, wenn ich nicht sterbe. Ich habe alle Versicherungen, Rechtsschutz, eine, wo ich im Krankenhaus einen Tagessatz kriege, das ist genial. Das meine ich: Mit 20 ist der Einschnitt radikal, später geht es subtiler und schleichender. Ich vermute, mit 30 gibt es keinen Donnerschlag und dann ist alles anders.Hast du einen Führerschein? Muss ich jetzt endlich mal machen, damit ich meine Kinder später mit dem Auto vom Kindergeburtstag abholen kann.Gibt es denn schon eine Mutti? Ja, eine potenzielle Mutter. Man wird sehen, ob das irgendwann einmal passiert.Wenn der Teststreifen blau wird, meldest du dich in der Fahrschule an. An genau dem Tag.Bist du mal Berufsjugendlicher genannt worden? Nee, nie. In der taz mal "altersweise", was für mich eher Klugscheißer heißt. Berufsjugendlicher bist du nur, wenn du dich dieses vermeintlich jugendlichen Vokabulars bedienst. Viele Jugendliche sagen gar nicht fett und cool und krass. Auf der Internet-Fanseite zu meiner Sendung ......www.unterulmen.com schreiben die Leute zum Beispiel Kolumnen und bemühen sich, sprachlich individuell zu sein. Die sind noch relativ jung, haben gerade mit der Schule aufgehört oder so. Wir haben die Seite zufällig in der Redaktion von "Unter Ulmen" entdeckt, weil wir gucken wollten, ob die Domain schon gesichert ist. Da gibt es ein Forum, wo die hinterher jede Sendung abgehandelt haben. Und die schrieben auch, wenn die Sendung scheiße war, was mich zuerst ärgerte. Insofern sind das keine Speichellecker-Fans. Ich vermute, die wollten vor allem etwas mit dem Medium Internet machen.Dann hätten sie auch eine Harry-Potter-Fanseite machen können. Bist du für diese Fans ein role model? Ein Vorbild meinst du?Der Anglizismen-Jäger! Habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht. Ich habe oft Ärger bekommen von Freunden, wenn ich in meiner Sendung rauchte. Die sagten: Du bist doch Vorbild, wenn da 15-Jährige zugucken, dann rauchen die auch. Aber das ist mir zu abstrakt. Vielleicht habe ich jemandem einen Impuls gegeben. Da hat es meine Kollegin Charlotte Roche schwerer, die all die jungen Moderatorinnen sieht, die reden wie sie, und auf der Straße Mädchen sieht, die aussehen wie sie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Leute mich sehen und dann so sein wollen wie ich.Du warst dieses Jahr gleich in zwei Kinofilmen zu sehen. Eher Zufall. Benjamin Quabeck, der Regisseur von "Verschwende deine Jugend", sah mich und dachte, der könnte gut den schmierigen Musikjournalisten spielen, das Arschloch. Während der Dreharbeiten gab es dann die Casting-Einladung zu "Herr Lehmann".Ist das der Abschied vom Fernsehen? Nein, nein. Es ist gerade etwas fürs Fernsehen geplant, für einen anderen Sender als MTV. Ich habe mit dem Fernsehen nicht abgeschlossen und mit dem Filmen erst recht nicht.Charlotte Roche hat der Wechsel zu einem größeren Sender, von Viva zu Pro 7, nicht gut getan. Ich finde doch. Sie kriegt ein größeres Forum für ihre Interviewkunst.Die Frage an Robbie Williams, ob er sein eigenes Sperma trinkt, war grenzwertig. Das ist doch eine Metapher. Ich fand das ganz passend, wenn jemand erzählt, dass er seine eigene Musik hört. Und sie hat dann keine Scheu, das auch zu sagen.Hast du Robbie mal getroffen? Nein! Wir hatten ihn mal zu MTV Hot eingeladen. Ich habe bei MTV sonst nie wegen Krankheit gefehlt, aber an dem Tag war ich krank. Ich habe ihn später bei den MTV Music Awards gesehen. Ein guter Typ.MTV hat dich mit dem Auftrag zu den Awards geschickt, die Show zu stören. Ich habe eher meine Co-Moderatorin Anastasia bei der Arbeit gestört. Die Awards habe ich immer gemocht. Das ist eine perfekte Veranstaltung. Ich war einmal im Regie-Raum, das war ein tolles Erlebnis. Der Regisseur steht in diesem Ü-Wagen und hat zwölf Kameras und er muss alle zwölf dirigieren. Er kennt die Songs auswendig und er weiß genau, an welcher Stelle das Schlagzeug einsetzt, bei welchem Takt das Gitarrensolo kommt. Beim ersten Taktschlag sagt er: Kamera Acht schon mal auf die Gitarre, und dann beim vierten Takt: Jetzt die Acht schalten. Der steht da wie ein Dirigent. Das hat mich fasziniert. Ich würde die Awards nicht wirklich stören wollen.Wovor hast du Respekt? Ich habe vor vielen Leuten Respekt. Man dachte immer, ich verarsche meine Gesprächspartner in der Sendung. Aber das stimmte nicht. Die Gespräche sollten bloß friedlich ins Absurde laufen.Macht Ben Tewaag mit seiner provokanten Show "MTV Mission" dort weiter, wo "Unter Ulmen" aufgehört hat? Ein MTV-Redakteur hat das tatsächlich mal "Unter Ulmen in härter" genannt. Es gibt ein paar Nummern, die ich echt gut finde. Er hat zum Beispiel als Blinder verkleidet zwei Polizisten am Bahnhof Zoo gefragt, wo er denn Haschisch kaufen könnte. Aber ein Meerschwein aus dem Zoo hätte ich nicht geklaut. Da fehlt mir die originelle Idee, ich mag es lieber etwas absurder. Das liegt vielleicht daran, dass ich die Provokation früher immer verstecken musste. Wir mussten die Sachen kleiner halten, damit es nicht gleich Ärger gibt.Das ist diese Form von Humor, die sich unter Zensur entwickelt. Ja, richtig. Du bekommst von deinem Chef gesagt: Du darfst nicht die Band dissen, die zu Besuch ist. Und dann sagst du: Wir haben heute tolle Gäste, tolle Musik, trotzdem fangen wir jetzt mit Timberlake und NSYNC an. Da entwickelt sich dieser subtile Witz, so etwas Kleines, das gewinnt man auch lieb.Wann hörst du auf zu rauchen? Mit 30. Ich hatte ein Mädchen auf der Schule, dessen Vater war Lungenarzt. Weil wir alle rauchten, sagte der, dass sich ab 30 die Lunge wieder regeneriert. Es würde mit dem Rauchen erst gefährlich werden ab 30, wenn der Körper älter wird. Jetzt habe ich noch zwei Jahre, die nutze ich auch aus.Rauchst du Kette? Unter der Woche ist Rauchen ein Begleiter durch den Alltag. Am Wochenende rauche ich komischerweise nie, also keine Zigaretten. Da rauche ich Zigarre und trinke Whisky.Die Frau am Nachbartisch hat gerade "Hallo, Herr Lehmann" zu dir gesagt. Das passiert in letzter Zeit öfter.Das Gespräch führte Marin Majica. (BERLINER ZEITUNG, 29.11.2003) |
![]()
Gelb-grelles Hühnchen, großmäuliger Show-Host,
vielversprechender Mime, Querkopf im Fischauge,
euer Freund, neuer bester Freund?
Wer ist Christian Ulmen? |