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FASZ, 28.09.2003Mich hat Furcht durch diesen Film getragenMTV-Moderator Christian Ulmen über seine erste Hauptrolle in "Herr Lehmann" und seine geheime Lust an der Provokation Frankfurter Allegemeine Sonntagszeitung: Um es am besten gleich zu sagen, ich bin nach der Hälfte aus "Herr Lehmann" rausgegangen. Die Vorführung fand an einem sonnigen Vormittag statt, und mir schlug diese ewig verrauchte, bierdunstige Kneipenatmosphäre, die sich durch den Film zieht, auf den Magen. Ulmen: Unerhört. Aber ja, den Film muss man abends sehen, das stimmt. Und danach am besten gleich etwas trinken gehen. Für mich ist der Film ohnehin eher ein trauriger Film. Vor allem am Vormittag.Soll es nicht eigentlich eine Komödie sein? Doch, und es gibt ja sehr lustige Szenen, aber man lacht auch über das Leid der Charaktere.Was finden Sie traurig an "Herrn Lehmann"? Dass sich Herr Lehmann, die Hauptfigur, durch die strengen Regeln, die er aufgestellt hat, selbst im Weg steht. So vieles fällt für ihn von vornherein durchs Raster: Er hasst Frühstücker, er hasst dieses und jenes, für alles hat er sich einen guten Grund zurechtgebastelt, aber dadurch sieht er vieles um sich herum nicht.Wer kam auf die Idee, Sie, einen MTV-Moderator ohne Schauspiel-Erfahrung, als Herrn Lehmann zu besetzen? Eine Frau bei einer Castingagentur. Ich weiß auch nicht, wie die auf mich kamen, die hatten wahrscheinlich meine Sendung gesehen. Vor dem ersten Casting hatte ich etwas Angst, weil es ja auch Leander Haußmann war, der das Casting machte, und ich hatte gehört, dass der so ein Despot sei. Auf dem Weg zum Casting bin ich sogar erkrankt. Zwei Stunden Zugfahrt, von Hamburg nach Berlin, und in dieser Zeit erkrankt. Ich musste absagen. Ob es die Aufregung war oder ein Virus, auf jeden Fall habe ich unterwegs Magendarmgrippe bekommen, und zwar so schlimm, dass ich absagen musste. Ich dachte, das war es dann. Billige Ausrede, werden die denken und mich bestimmt nicht noch mal einladen.Haben sie aber. Neunmal mussten Sie vorsprechen, dann hatten Sie die Rolle. Ihre erste Filmrolle, gleich eine Kino-Hauptrolle. Haben Sie sich das sofort zugetraut? In meiner Sendung "Unter Ulmen" gab es Einspieler, die haben wir mit versteckter Kamera auf der Straße gedreht. Da war ich dann zum Beispiel als weinender Polizist unterwegs. Das war ein gutes Training. Natürlich glauben einem die Leute zunächst nicht - sie merken, dass man ihnen was vorspielt. Und dann wird das zur Sucht: Leute glauben zu machen, dass du jemand anderes bist. Und wenn du das geschafft hast, wenn dich jemand in den Arm nimmt und tröstet, dann willst du das nächste Mal ein Hühnchen spielen, das sprechen kann. Man traut sich immer mehr zu. Zuletzt eben auch eine Kinorolle.Beschreiben Sie Ihren Herrn Lehmann. Er ist schnell zufrieden mit sich. Einiges ist ihm egal, weil er auch keine Lust hat, dafür Verantwortung zu übernehmen, sich für Musik zu interessieren zum Beispiel, dann müsste er ja Farbe bekennen und irgendeine Band gutfinden. Aber er weiß ziemlich genau, was er nicht mag und ist da auch sehr streng. Er ist eine Figur, die ganz stark für etwas ist oder gegen etwas ist - das sind halt bei ihm nur sehr minimale Bereiche.Was verbindet Sie mit ihm? Viel ist es nicht. Vielleicht ein unnötiges Gefühl von übertriebener Peinlichkeit, das kenne ich auch von mir. Herr Lehmann traut sich nicht, seinen Eltern seine neue Freundin vorzustellen. Es gibt keinen Grund dafür, es ist ihm einfach peinlich. Er lügt sogar und sagt, sie sei gar nicht seine Freundin, als seine Eltern ihn danach fragen. Vollkommen unnötig. Ich kann nachvollziehen, dass man Sachen unangenehm findet und von vornherein zumacht, um sich ihnen gar nicht erst zu stellen.Nach Ihrer ersten Film-Erfahrung: Was muss ein Schauspieler können? Keine Ahnung. Also, mich hat auch gesunde Furcht durch diesen Film getragen. Deswegen habe ich immer meinen Text gelernt. Aus Sorge davor zu scheitern. Oder dass Haußmann auch mich mal zusammenscheißt.Hat er? Nee, er wählt klug aus, wen er anschreit oder nicht. Ich würde es konstruktives Anschreien nennen, es bringt dann immer viel. Außerdem geht er sehr ironisch damit um. Mich hat er nie angeschrieen. Ich glaube, er hat gemerkt, dass ich sehr sensibel bin.War das jetzt die Rolle Ihres Lebens, oder wollen Sie nun weiter schauspielern? Kann natürlich passieren, dass ich irgendwann einsehe, Lehmann habe ich irgendwie geschafft, dass ich feststelle, es gab vielleicht doch mehr Überschneidungen im Charakter, als ich gedacht hatte, und dass es vielleicht auch nur deshalb so gelang und ich nie wieder jemand anderen so spielen kann. Ich hoffe das nicht. Das muss sich eben einfach zeigen.Mit dreizehn Jahren haben Sie in Ihrer Heimatstadt Hamburg schon Radio gemacht. Ganz schön früh. Das war bei mir so, wie andere Fußball gespielt haben. Ganz banal. Meine Sendung hieß "Junior, das Jugendmagazin", und die Themen waren für mich vollkommen nebensächlich. Im Vordergrund stand für mich, dass ich Radio mache, egal was, egal wie. Natürlich wollte ich mich auch nicht blamieren, also habe ich immer die schlauen Themen gemacht. Ich habe gegen Atomkraftwerke gesprochen und Auszüge aus "Die Wolke" vorgelesen. Ich hatte also durchaus einen Auftrag, allerdings war der sehr stark konstruiert.Was hat Sie so fasziniert am Radiomachen? In erster Linie war das die Lust, mit der Technik umzugehen. Diese Mikrophone und diese Regler, und es hinterher zu schneiden. Ich fand die Vorstellung romantisch: Reportagen machen und die dann nächtelang im Studio nachbearbeiten. Und dann das Phänomen, etwas an einem Ort zu produzieren, was dann gesendet wird, und viele Leute können es hören. Das war der Antrieb. Das ganze Drumherum musste ich mir wirklich regelrecht konstruieren.Mit achtzehn moderierten Sie dann im Fernsehen, auf RTL die "Disney Show". Ist es einem in diesem Alter nicht eigentlich peinlich, umgeben von Zwölfjährigen und einer lebensgroßen Maus im Fernsehen zu sein? Die Zwölfjährigen waren noch ganz okay, die waren immer noch cooler als der Redakteur, der die Texte geschrieben hat: "Hey Leute, seid ihr heute wiedermal bereit und habt'n paar Minuten für Mickey Mouse Zeit?"Sie haben es trotzdem gemacht. Disney war für mich, was das Hochglanz-Penthouse-Magazin für Moderatorinnen ist, die gerne groß rauskommen wollen. Man muss aber dazu sagen, dass ich damals schon auch gebauchpinselt war, dass ich moderieren durfte. Ich fand es schon sehr toll, im Fernsehen zu sein.Im glattpolierten MTV-Universum waren Sie der Anarchist. Eine Zeitlang haben Sie Ihre Moderationen gemeinsam mit einer Schrankwand gemacht, manchmal saßen Sie minutenlang stumm im Studio, und aus dem Off konnte man laut Ihre Gedanken hören. Waren Sie in der Schule der Klassenclown? Nein. Meine Mitschüler haben mich dafür gehasst, dass ich eine Brille getragen habe und dass meine Aufsätze klangen wie "stern tv"-Reportagen. Ich habe immer sehr reißerische Aufsätze geschrieben. Wenn es um Dritte Welt ging, waren die ersten Sätze: Hunger. Durst. Tod. Das ist Afrika. Ich fand die Sprache von "stern tv", diese abgehackte Sensationsmeldungs-Sprache so faszinierend, ich konnte gar nicht mehr anders schreiben.Es gab mal eine Sendung, da haben Sie Ihre Mutter angerufen und lange mit ihr telefoniert. Sie haben ihr nicht gesagt, dass das Gespräch live gesendet wird. Würden Sie für einen Lacher alles tun? Ich hatte mal eine Zeit, da hätte ich alles dafür getan. Ich fand, es hätte Charme, wenn jemand alles von sich hergibt. Tom Green hat das im amerikanischen MTV noch viel krasser gemacht - der hat seine Eltern nachts mit Kamerateam in deren Schlafzimmer überrascht und sie gefragt, in welchen Stellungen sie miteinander Verkehr haben. Dass jemand sein Privatleben zur Verfügung stellt, damit andere Leute lachen, hat mich fasziniert.Auch auf Kosten anderer? Solange man auch sich selbst als Opfer zur Verfügung stellt. So wie der Komiker Andy Kaufman zum Beispiel. Den bewundere ich sehr. Auch weil er zunächst scheiterte, niemand seinen Witz verstand und er den aber dennoch immer weitergetrieben hat. Bis in die letzte Konsequenz. Er hat sogar seine eigene Trauerfeier moderiert. Er hatte sich selbst, vor einem Vorhang stehend und Witze erzählend, mit der Videokamera aufgenommen, und dieses Band lief während seiner Beerdigung. Bis in den Tod hinein seinen Humor durchzuziehen, davor habe ich Respekt. Und ich mag seinen Humor einfach. Dieses Hintergründige. Das Absurde. Dass man es vielleicht auch gar nicht versteht. Und diese Kämpfe mit Programmdirektionen, dieses: Das versteht doch keiner. Er hat nie nachgegeben.Sind Sie mit Ihrem Humor je angeeckt? Klar, auch bei MTV. Wobei die mir wirklich alle Freiheiten gelassen haben. Aber es gab schon Nummern, die ich grandios fand, wo es hieß: da wird doch keiner lachen. Manni Petersen zum Beispiel. Ein Charakter, den ich mal hatte, ein Prolet. Die Idee war, den als Comedy-Künstler zu erzählen, der immer auf die Bühne geht und ganz schlechte Witze erzählt. So schlechte, dass die Zuschauer, die in dem Comedy-Zelt sitzen, aufstehen und gehen. Das war der Plan. Extra schlechte, quälend lange Witze zu machen, über die garantiert niemand lacht. Da waren die von MTV natürlich besorgt, dass die Leute vor dem Fernseher abschalten. Aber sie haben mich trotzdem machen lassen.Sie wirken sehr höflich und zurückhaltend. Haben Sie insgeheim einen Riesenspaß an der Provokation? In der Schule war ich leider einer von denen, die einem armen Mädchen mit Pickeln Warzen-Inge nachgerufen haben. Ich habe schon so etwas in mir, ein Teil von mir will provozieren oder sich daneben benehmen. Es gibt ja Leute im Fernsehen, die dann auch abends nicht mehr abschalten können. Die ständig unter Pointendruck stehen. Alles, was sie erzählen, muss jetzt sofort, zack, lustig sein, auch privat. Bei mir ist das mit meiner Fernseharbeit verschwunden, ich lebe das offensichtlich beruflich aus.Kostet es Sie keine Überwindung, bei wildfremden Menschen zu klingeln und zu behaupten, Sie seien Astronaut und soeben in Ihrem Vorgarten gelandet? Beim allerersten Dreh, den wir für meine Sendung gemacht haben, musste ich wildfremde Menschen auf der Straße umarmen. Ich habe mich nicht getraut. Ich habe die Leute immer so umarmt, dass Abstand blieb, und das hat natürlich überhaupt nicht funktioniert. Es war nicht lustig. Am nächsten Tag haben wir es noch mal gemacht. Ich musste wieder auf die Straße, und mich dazu zwingen, Leute richtig in den Arm zu nehmen. Wenn man das mal geschafft hat, dann hat man alle Hemmungen verloren.Dann kann man auch eine Hauptrolle in einem Film spielen? Ich glaube ja. Ich glaube, deswegen ist das die Entwicklung. Wenn du einmal auf der Straße einen wildfremden Menschen richtig innig umarmst und ihm mit der Hand dabei zärtlich durch die Haare fährst, dann bist du bereit.Interview: Johanna Adorján (FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, 28.09.2003, Nr. 39, S. 23) |
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Gelb-grelles Hühnchen, großmäuliger Show-Host,
vielversprechender Mime, Querkopf im Fischauge,
euer Freund, neuer bester Freund?
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