JOB & FUTURE 1/2004

Moderator mit neuer Mission

Drei Jahre lang bereicherte Christian Ulmen mit seiner MTV- Show "Unter Ulmen" die Fernsehlandschaft. 2003 eroberte er mit "Herr Lehmann" auch die Kinoleinwand. Wir haben den 28-Jährigen in Berlin getroffen.

JOB & FUTURE: Christian, seit 13 Jahren bist du bereits im Radio und Fernsehen als Moderator unterwegs. Jetzt auch noch Schauspiel. Ist das deine neue Mission?

Ulmen: Wenn du moderierst, zeigst du nur einen Teil von dir. Der kann sogar durchaus inszeniert sein. Dieses Ammenmärchen stimmt ja nicht, dass Moderatoren authentisch seien. Sie sind maximal natürlich. Bei mir kam das Spielen der verschiedenen Figuren in "Unter Ulmen" dazu, was diese Leidenschaft immer wacher werden ließ. Neue Mission? Ja.

Der Trend geht dahin, dass immer mehr Moderatoren zur Schauspielerei wechseln, da ihr Bekanntheitsgrad die Kinokassen klingeln lässt. Schon unfair den ganzen talentierten Jungschauspielern gegenüber, oder?

Ich habe diesen Vorwurf schon oft gehört. Gerade von Schauspielern, die vier Jahre zur Schule gegangen sind, Prüfungen abgelegt haben und sich gelernte Schauspieler nennen können. Und ich muss ehrlich zugeben: Ich hatte einen Anflug von schlechtem Gewissen, als ich die Rolle bekam. Ich würde aber nur dann von Unfairness sprechen, wenn ich weniger Herzblut oder Lust gehabt hätte als die anderen. Ich habe das aber sehr ernst genommen. Außerdem war ich insgesamt neunmal beim Casting. Es war also schon eine faire Prozedur.

Hast du richtig Gas gegeben, um die Rolle zu bekommen, oder war es ein leichtes Spiel?

Beim ersten Vorsprechen war ich noch recht entspannt, aber dann wuchs der Wunsch, Lehmann spielen zu dürfen, immer mehr. Da kam ganz klar Ehrgeiz dazu. Und zermürbende Zweifel, weil man mir nach allen neun Vorsprechterminen zunächst nie etwas Konkretes sagte.

Als "Herr Lehmann" bekommst du ordentlich auf die Mütze, bist unglücklich verliebt und dein bester Freund dreht durch. Gibt es Parallelen zu deinem wirklichen Leben?

Das Schöne an dem Buch "Herr Lehmann" ist unter anderem, dass die Hauptfigur so viel bietet, mit dem du dich identifizieren kannst. Da finde ich mich genauso oft wieder wie jeder andere auch.

Leidenschaftlich sprichst du über Themen, die ins Absurde abdriften, wodurch dir keiner mehr folgen kann.

In meiner Fernsehsendung war das auch beabsichtigt. Außerdem müssen mir die Leute nicht folgen, weil ich es manchmal selber nicht mehr kann... Meist ergibt sich das aus dem Verlieren des Fadens.

Ebenso ist es bei "Herr Lehmann" – weil er ist eben sehr abstrakt ist und man sich als Zuschauer plötzlich ganz woanders wieder findet.

Aber es bleibt immer noch ein Gefühl und das finde ich am wichtigsten. Ich habe es schon immer in der Schule gehasst, dieses Nachfragen: "Was will uns der Autor sagen und was ist passiert und warum?"

Wie hast du reagiert, als man dich für die Rolle zum Abspecken animierte?

Es war nun mal der Wunsch des Produzenten, dass man sich ansehnlich präsentiert. Ich habe natürlich erst gesagt: "Moment, Lehmann trinkt doch auch viel Beck’s..!" Letztendlich hat es mir aber gut getan, mich mal wieder ein bisschen zu bewegen.

Bewegen wir uns doch mal ein paar Jahre zurück. "Herr Lehmann" spielt 1989 – in dem Jahr, in dem die Mauer fiel. Wie hast du davon erfahren?

Ich habe damals noch in Hamburg gewohnt und es erst am nächsten Morgen erfahren. Da stürmte mein Vater aus der Dusche. Das war das erste Mal, dass ich meinen Vater nackt gesehen habe.

Hat dich dieses Ereignis in irgendeiner Weise berührt?

Meinen Vater nackt zu sehen?

Nein, der Mauerfall...

Ach ja, der Mauerfall. Ich war 14 und weiß gar nicht mehr, ob ich froh war, dass die Menschen ihre Freiheit wieder hatten, oder eher darüber, dass die Schule ausgefallen war.

Anderes Thema: Hast du Angst vorm Älterwerden? Schließlich gehst du auf die 30 zu...

Na ja, da liegen noch ganze zwei Jahre dazwischen. Aber ich habe keine Angst davor. Das ist mir ziemlich egal.

Du hattest aber doch mal eine Phase in deinem Leben, in der du vor allem Möglichen Angst hattest: vor Krankheiten, vor Pleite... Hast du die Phase jetzt überstanden?

Ein bisschen wurde die Angst gedämpft durch die zahlreichen Versicherungen, die ich dann abschloss: Rechtsschutzversicherung, Lebensversicherung...

Hausratversicherung...

Natürlich auch die. Eben alles, was man versichern kann. Seitdem geht es mir besser, ich fühle mich sicherer.

Woher kamen diese Ängste?

Ich hatte schon immer hervorragende Angstgene. Das Beste, was dir passieren kann. Zur Sicherheit. Wenn ich als Kind im Schulbus saß und irgendwelche Typen nur im Ansatz so aussahen, als könnten sie ein Butterfly-Messer ziehen, bin ich ausgestiegen und habe gewartet, bis der nächste Bus kam. Ich habe aber keine Ahnung, woher das kommt. Manchmal sitzt du eben da und hast Angst.

Ein Grund, warum "Unter Ulmen" ausgelaufen ist: die Angst vor dem Versagen?

Nein. Das war das Nachlassen der Leidenschaft und dann muss man ehrlicherweise auch damit aufhören. Sonst wird es schlecht. Die Routine war da und ich war gelangweilt.

Kaum zu glauben, so wie du deine Gäste immer verarscht hast...

Nein, das habe ich nie getan, obwohl es so viele Leute behaupten. Bei meinen Gästen war ich manchmal sogar befangen. Da ist wohl durch die absurden Straßenaktionen ein Bild in den Köpfen der Zuschauer entstanden, dass ich bei meinen Gästen jedes Wort ironisch meinte oder bösartig wäre. In Wirklichkeit waren die Talks aber nicht krasser als die von Beckmann oder Kerner.

Das ist ja mal ein Geständnis!

Ich muss sogar sagen, ich habe es ja nicht mal so gut gemacht wie die. Dafür bin ich einfach zu desinteressiert an meinen Gästen gewesen. Das heißt nicht, dass ich sie nicht mochte. Ich habe mit meinen Gästen eben lieber über Schwachsinn geredet. Aber ich habe nie jemanden fertig gemacht.

Vielleicht entsteht dieser Eindruck, weil du so einen speziellen Humor hast?

Ich denke, das liegt daran, dass die Sendung komisch war und ihre Witze gelegentlich versteckte. Da vermutete man auch im Gespräch mit Gästen verborgene Gemeinheiten.

Wo setzt du dir die Grenzen, die du nicht überschreitest? Bist du ein Moralist?

Man kann es ja schon moralisch verwerflich finden, wenn man Menschen einfach nur versteckt filmt. Das tue ich nicht. Aber ich würde es niemals darauf anlegen zu zeigen, wie dumm Leute auf der Straße sind. Obwohl es bestimmt mal bei ein paar Nummern passiert ist. Es gibt nun mal auch dumme Leute. Was soll man da machen? Da muss man aber nicht extra noch hinlangen. Wenn ich allerdings als sensibler Polizist verkleidet auf der Straße stehe und weine und jemand kommt und mich tröstet, dann ist er ja zunächst eher ein liebevoller Mensch als ein dummer.

Du hast mal gesagt, dass es eine Zeit gab, in der Humor und Ironie gleichgesetzt wären, und dass dich das tierisch genervt hätte. Obwohl Ironie ja eigentlich deine Schwester sein könnte...

Schwester? Eine Kollegin würd’ ich sagen, die man so trifft, weil man mit ihr arbeitet. Es gab aber eine Zeit, in der war durchweg alles ironisch gemeint. Das hat genervt und da wurde die Ironie missbraucht.

Missbraucht wird auch das deutsche Fernsehen. Inzwischen gibt es kaum noch deutsche Formate. Produktionen wie "Unter Ulmen" sind rar, weil die meisten Sendungen aus den USA kopiert werden.

Ja, "Unter Ulmen" war deutsches Kulturgut. Die Amerikanisierung finde ich übrigens gar nicht schlimm. Ich liebe zum Beispiel die "Osbournes". Wenn es ein gutes amerikanisches Format gibt, kann und muss man es hier zeigen. Viel mehr und allgemein stört mich die angebermäßige Übernahme von amerikanischen Floskeln wie "by the way". Alle auf "success tour" und "trendy" und "spacey". Immer dasselbe. Das sind nervige Heckspoiler prolliger Moderationen, die letztlich von Trägheit zeugen, weil man zu faul ist, neue Wörter zu entdecken.

Das ist die neue Generation...

Nein, das ist schlicht unkreativ. Man kann doch mal versuchen, neue Wortschöpfungen zu erfinden.

Wann muss man bei dir abschalten, um am Ende nicht durchzudrehen?

An mir ist einfach alles sehr schätzenswert, und selbst wenn ich eine schlechte Eigenschaft habe, ist es nur eine liebenswerte Marotte.

Übel werden wir es dir nehmen, wenn du uns in Zukunft nicht wieder mit einer eigener Show beglückst.

Absurde Formate würde ich nach wie vor noch gerne machen. Aber sie müssen eben anders sein wie "Unter Ulmen". Man kann nichts Neues erfinden, aber anders verpacken. Ich würde sehr gerne nochmal einen Film drehen, nur muss er mich wieder so packen wie "Herr Lehmann".

(JOB & FUTURE, 1/2004, Januar & Februar 2004)
Gelb-grelles Hühnchen, großmäuliger Show-Host, vielversprechender Mime, Querkopf im Fischauge, euer Freund, neuer bester Freund? Wer ist Christian Ulmen?