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NEON, 23.06.2003, Nr. 1Über Ulmen, um Ulmen und um Ulmen herumChristian Ulmen über seine ersten Kino-Rollen, seine Freundin und eine Fernsehtherapie NEON: Herr Ulmen, demnächst sind Sie in Ihrem ersten Kinofilm zu sehen – als schmieriger Musikjournalist in der Neue-Deutsche-Welle-Aufarbeitung »Verschwende deine Jugend«. Wie passend: Auch Sie haben Ihre Jugend verschwendet. Nein, überhaupt nicht! Wieso denn?Sie sind beim Fernsehen, seitdem Sie 13 Jahre alt sind: erst beim Offenen Kanal in Hamburg, dann als Moderator von »Disney & Co.«, jetzt mit eigener Show bei MTV. Ein normales Leben kennen Sie doch gar nicht. Sie meinen, ich hätte lieber Fußballspielen sollen und Mädchen treffen? Ich hab alles, was zur Jugend gehört, beim Fernsehen gemacht.In Ihrer MTV-Show »Unter Ulmen« zünden Sie Hundescheiße an oder schimpfen lauthals über N’Sync. Ihr Sender musste kürzlich einer Angestellten in einem Beerdigungsinstitut Schmerzensgeld bezahlen, nachdem Sie für einen Kurzfilm als Sensemann verkleidet an ihren Schreibtisch getreten sind und gesagt haben… »Hallo, hier ist der Chef, ich habe eine Lieferung für Sie.« Das war schlau. Muss man auch erst mal drauf kommen. Es sollte ein kurzer, absurder Moment sein. Ich habe niemals jemanden beleidigt oder fertig gemacht. Ich war niemals krawallig. Ich bin Moralist. Wir haben unzählige kleine Filme gedreht, in denen sich Passanten in verschiedenen Situationen wie hilflose Idioten benommen haben. Das wären große Lacher in der Show gewesen, aber wir haben sie nicht gesendet.Auch Ihre Gäste in »Unter Ulmen« gehen Sie manchmal recht brutal an. Die ertragen das schon. Und meistens bin ich sehr nett. Als ich vor einiger Zeit die Kelly Family in der Sendung hatte, dachte ich auch: »Okay, die machst du jetzt mal fertig. « Und dann kommen die an und sind nett. Redliche Menschen. Die machen Scheißmusik und sehen scheiße aus – aber dann sitzen sie vor mir und ich schaffe es nicht, sie zu zerpflücken.Stattdessen unterhalten Sie sich dann mit der Kelly Family ganz ernsthaft? Nee, für einen echten Talk bin ich zu desinteressiert an meinen Gästen.Deutsches Fernsehen finden Sie »zum Erbrechen«. Und kürzlich haben Sie erklärt: »Es ist an der Zeit, ehrlich zu sagen, was man scheiße findet.« Wir sind gespannt. Diesen Satz habe ich in einer Zeit gesagt, als plötzlich alles nur noch ironisch gemeint war: in der Werbung, im Fernsehen, in der Kneipe. Ich will nicht mehr ironisch sein.Aber Sie wollen ehrlich sein. Na gut: »Polylux« stört mich sehr. Warum immer noch alte Menschen auf der Straße lächerlich machen? Das ist doch nicht lustig, und das ist auch keine Kunst.Entschuldigung, Sie machen doch oft nichts anderes? Natürlich. Die Menschen, die bei uns in skurrilere Situationen geraten, sind oft ältere Menschen. Das liegt aber daran, dass die Jüngeren weitergehen, die scheren sich einen Dreck um uns. Die Älteren bleiben stehen und gucken, wenn ich mir auf der Straße Milch über den Kopf schütte. Und dann kriegst du halt eher von denen die Blicke, die du für die Nummer brauchst. Aber wir gehen nicht zu älteren Menschen hin. Wir führen sie nicht vor. Sie können ja weggehen, das entscheiden sie selbst.Sie haben einen speziellen Sinn für Humor. Nicht mal meine Mutter kann über meine Witze lachen. Wenn ich bei ihr zu Hause im Garten sitze, ruf ich manchmal: »Mama! Trink doch nicht so viel!« Und sie dann: »Psst! Nicht so laut! Die Nachbarn!« Und ich, noch lauter: »Du sollst nicht so viel trinken! « Dabei trinkt sie ja nie zu viel.Aber Sie finden das lustig? Ein Riesenspaß, jedes Mal wieder. Ich drücke auf diesen speziellen Knopf bei meiner Mutter, und sie reagiert immer gleich…Versuche, eine Fernsehkarriere jenseits von Ihrer MTV-Show zu starten, sind fehlgeschlagen. Das mag daran liegen, dass Ihre Späße nicht gerade massentauglich ist. Werden Sie eher Ihre Karriere oder Ihren Sinn für Humor aufgeben? Wahrscheinlich werde ich an meiner mangelnden Leidenschaft für Mainstream- Unterhaltung scheitern. Man sieht es einem Moderator an, ob er für das, was er tut, brennt, oder ob er nur seinen Job macht. Bei Jörg Pilawa habe ich zum Beispiel den Eindruck, dass er seine Quiz-Show nur absitzt. Bei Günther Jauch habe ich das Gefühl, dass er Lust auf seine Sendung hat. Ich will auch Sinnloses machen dürfen, drei Minuten reden, ohne dass jemand versteht, worum es geht. Dafür brenne ich. Aber das geht einfach nur bei MTV.Als MTV-Moderator kann man aber nicht alt werden. Haben Sie Sorge, als Musikfernseh-Opa zu enden, so wie Mola Adebisi bei Viva? So wie Mola Adebisi zu werden ist sozusagen meine Urangst. Die habe ich schon immer.Spielen Sie jetzt Kinorollen, um dieses Schicksal abzuwenden? Neben Ihrem Auftritt in »Verschwende deine Jugend« sind Sie bald als »Herr Lehmann« in der gleichnamigen Romanverfilmung von Leander Haußmann zu sehen. Eine tolle Erfahrung, die sich da geboten hat. Warum hätte ich darauf verzichten sollen? Bei »Herr Lehmann« bin ich in eine Traumwelt eingetaucht. Zu den ersten Castings bin ich noch unbefangen gegangen. Aber dann wollte ich die Rolle unbedingt.Herr Lehmann wird Herr Lehmann genannt, weil er bei seinen Bekannten als alter Mann gilt – er ist soeben 30 Jahre alt geworden. Sie sind 27. Haben Sie Angst vor dem Älterwerden? Erst mal war ich geschockt davon, mit 27 Jahren in diesem Film für 30 durchzugehen. Aber Angst vor dem Älter werden habe ich nicht. Ich spüre eher eine seltsame Melancholie. Dass man etwas vermisst, was man früher hatte: diese Unbeschwertheit. Auch diese Identifikation mit Musik, die ich heute gar nicht mehr habe, die ich früher hatte mit Nirvana und Guns N’Roses. Das ist es eher: das Vermissen der Jugend und die Melancholie, die damit einhergeht. Zukunftsangst habe ich gar keine.Die hatten Sie aber einmal. Da erklärten Sie in einem Gespräch: »Ich habe andauernd vor allem Möglichen Angst. Krankheiten, Pleite…das sind bürgerliche Ängste.« Ja, das war diese Phase, in der ich Versicherungen abgeschlossen habe wie ein Irrer. Ich kam mir ein bisschen spießig vor, aber es hat gegen die Ängste geholfen. Mittlerweile denke ich: Man muss dem Glück auch eine Chance geben. Es bleibt einem ja gar nichts anderes übrig. Ich bin wieder Optimist. Auf der anderen Seite macht mir meine gute Laune auch schon wieder Angst. Gut gelaunt sein ist langweilig.Über Ihre Altersgenossen haben Sie einmal gesagt: »In meiner Generation halten sich eine Menge Menschen schon mit 25 Jahren für viel zu viele Dinge zu alt. Sie leben schneller – und kommen deshalb auch früher bei ihren Ängsten an.« Wie würden Sie Ihre Generation heute in einem Satz zusammenfassen? Gescheitertes Startup-Unternehmen.Die »taz« nannte Sie einen »Altersweisen« Fand ich doof, ganz doof. Weil das nur ein anderes Wort für Klugscheißer ist.Wie weit entfernt ist der Fernseh-Ulmen vom echten Ulmen? Der berufliche Ulmen ist wacher und traut sich mehr. Der ist natürlich auch anstrengender.Sie spielen im Fernsehen nur eine Rolle? Das ist ja das Tolle am Fernsehen. Dass ich da meine Verrücktheiten ausleben kann. Diejenigen, die das nicht können, müssen sich piercen und tätowieren lassen und draußen in der glühenden Sonne Gitarre spielen. Oder machen Sport.Und Ihre Verrücktheiten im Fernsehen ausleben zu können ermöglicht Ihnen, als Privatmensch entspannt spießig zu bleiben? Ja, das ist schon so: Ich gehe kaum aus. Und seit ich mit meiner Freundin zusammengezogen bin, hat meine Beziehung schon was komisch Eheähnliches. Ein eigenartiger Zustand. Aber wunderschön.Sie sind seit vier Jahren mit Ihrer Freundin zusammen – welchen Ulmen mag sie lieber? Sie hat mich zum ersten Mal im Fernsehen gesehen. Und fand mich total scheiße.Was wäre aus Ihnen geworden, wenn es mit der Fernsehkarriere nicht geklappt hätte? Keine Ahnung.Sie haben immerhin drei Wochen lang evangelische Theologie studiert. Ja, auf Theologie war kein Numerus clausus. Ich war zweimal da. Einmal zur Einführungsveranstaltung, und dann noch mal, um mich wieder zu exmatrikulieren.Das Fernsehen hat Ihr Leben gerettet? Es hat mich von meinen Komplexen befreit. Wenn ich drehe, ist diese Unsicherheit weg. Allen Wahnsinn, den ich mir ausdenke, mache ich nur für die Kamera.Sie nutzen das Fernsehen als Therapieform. Ja. Immer schon.Und jetzt machen Sie auch noch Kinofilme. Sie werden gerade übertherapiert. Verstehen Sie sich als Schauspieler? Ich ertrage dieses Fotomodel-Gelabere nicht – wenn die immer sagen, dass sie Schauspielerei ja auch ganz interessant fänden ... oder wie Altschauspielstars wie Christian Kohlund sagen würden: »Regie wird mich ja auch höllisch interessieren.« Also, was soll ich jetzt sagen? Bei den Dreharbeiten zu »Herr Lehmann« habe ich festgestellt, dass es viele Parallelen zwischen Fernsehmoderation und Schauspiel gibt. Und sie haben mir die Rolle ja auch gegeben. Trotzdem hatte ich vom ersten bis zum letzten Drehtag von »Herr Lehmann« Angst zu scheitern. |
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Gelb-grelles Hühnchen, großmäuliger Show-Host,
vielversprechender Mime, Querkopf im Fischauge,
euer Freund, neuer bester Freund?
Wer ist Christian Ulmen? |