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Spiegel Online, 29.09.2003Soundtrack eines Soziotops"Herr Lehmann", Leander Haußmanns Romanverfilmung, ist Milieustudie und Männerfilm. Eine Welle sentimentaler Erinnerungen geht durchs Land, eine ästhetische Massenflucht ins Unveränderliche der Vergangenheit. Von "Ostalgie"-Shows bis zu Generationen-Büchern werden vor allem die siebziger und achtziger Jahre in kollektiver Rückbesinnung beschworen: Nostalgie als Ersatzhandlung - mit dem Soundtrack der Selbstvergewisserung: Weißt du noch? Nach "Good Bye, Lenin!", "Soloalbum", "Verschwende deine Jugend", "Liegen lernen" und anderen Retro-Streifen kommt in dieser Woche "Herr Lehmann" ins Kino, Leander Haußmanns Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Sven Regener aus dem Jahr 2001, der als Taschenbuch immer noch die Verkaufslisten anführt. Schon in der Eröffnungsszene dampft und schwitzt und lärmt die Kreuzberger Nacht dunkelbraun und pilsgelb mit dem Geräuschpegel einer ortsüblichen Straßenschlacht, und sofort taucht die bange Frage auf: Hat Ossi Haußmann nach seiner erfolgreichen "Sonnenallee" nun etwa die Westversion einer melancholischen Rückschau abgedreht? Disneyland BRD? Dass diese Angst vor einer einfältigen Mythisierung grundlos ist, liegt zunächst an Sven Regeners Romandebüt, dessen lakonische Skizze des legendären Mikrokosmos Kreuzberg SO 36 kurz vor dem Mauerfall 1989 weder süßsauren Beziehungskitsch noch falsche Milieuseligkeit kennt. Regener, 42, Texter und Sänger der 1985 gegründeten Rockband Element of Crime, der auch das Drehbuch verfasst hat, schildert seinen Helden, den alle duzen und doch stets, Marotte eines unergründlichen Szenecodes, mit "Herr Lehmann" anreden, als durchaus zufriedenen Bewohner seiner sozialen Enklave. In der heißen die Kneipen "Einfall", "Abfall" oder "Blase", und um die Ecke sorgen stets ein "Adler-Grill", eine demolierte Telefonzelle und eine Graffiti-verschmierte "Spielothek" für die angemessene Kulisse. Im "Einfall" arbeitet Herr Lehmann selbst als "Tresenkraft". Er hat Freunde, mit denen er nach Herzenslust und bis tief in die Nacht dem Flaschenbier zusprechen kann, und er verliebt sich - nach einem absurden Diskurs über die prinzipielle Zulässigkeit von Schweinebraten am Sonntagmorgen - in die "schöne Köchin" (Katja Danowski) der nahe gelegenen "Markthalle". Am Ende zerbricht auch diese Idylle zwischen Mehringdamm und Kottbusser Tor am Lauf der Welt und der Liebe. Anders als Eichendorffs "Taugenichts" treibt Herrn Lehmann jedoch keine antibürgerliche Erlösungssehnsucht, keine Vision einer erträumten Gegenwelt, sondern die Hoffnung, der morgige Tag möge ungefähr so sein wie der gerade vergangene. In der alkoholgestützten Betriebsamkeit dieses übrig gebliebenen Soziotops ist die konkrete Utopie das nächste "Beck's" - und Männerfreundschaft wird zur tragenden Konstruktion des Alltags. Trotz der teils wüsten Szenerie einer heruntergekommenen Kiez-Boheme aus gescheiterten Künstlern, Trinkern und Thekenphilosophen sind Tendenzen einer alternativen Verbürgerlichung unübersehbar - sieht man vom stark verbesserungsfähigen Wohnambiente einmal ab. Regisseur Leander Haußmann, 44, einst Schauspiel-Intendant in Bochum, hat diesen Marthalerschen Wartesaal einer eigentümlich stillgestellten Geschichte kongenial in bewegte Cinemascope-Bilder umgesetzt. Dabei ist es ihm gelungen, eine im deutschen Kino seltene Balance von Ironie und Melancholie zu halten. Ein entscheidender Beitrag kommt dabei von Herrn Lehmann selbst - von MTV-Moderator Christian Ulmen, 28, in der Rolle des vagabundierenden Szenehelden. Seine überraschend souveräne, unaffektierte Darstellung ist der Mittelpunkt dieser Milieustudie, bei der das Klirren der aneinander gestoßenen Bierflaschen zur Erkennungsmelodie einer Lebenshaltung wird. In der wortkargen, männerbündischen Untertreibungsgestik scheint aber stets etwas Unausgesprochenes mitzuschwingen. Die schöne, präzis eingesetzte Musik von Anita Lane, Fad Gadget, Violent Femmes, Westbam, Element of Crime und anderen (Konzept: Charlotte Goltermann) verstärkt diesen Eindruck noch. Detlev Buck verkörpert als Freund Karl überzeugend den Typ des schwergewichtigen Losers, dem schließlich der Dienst habende Arzt des Urban-Krankenhauses (herrlich trocken: Christoph Waltz) eine Art postkreativdepressiven Nervenzusammenbruch attestiert - eine hinreißend traurig-komische Szene. Am 9. November 1989, dem 30. Geburtstag von Herrn Lehmann, ereignet sich noch ein anderer Zusammenbruch, von dem der Held standesgemäß am Kneipentresen erfährt. Damit stürzt zugleich auch die schützende Zeitmauer dieses magischen Ortes Kreuzberg SO 36 ein, und Herr Lehmann geht hinaus in die kalte Gegenwart. In diesem Augenblick ahnt der Zuschauer: Herr Lehmann hat im tiefsten Innern eine romantische Seele. REINHARD MOHR |
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Gelb-grelles Hühnchen, großmäuliger Show-Host,
vielversprechender Mime, Querkopf im Fischauge,
euer Freund, neuer bester Freund?
Wer ist Christian Ulmen? |