teleschau, 17.12.2004

"Sie wollte mich vom Balkon schmeißen!"

(tsch) Christian Ulmen sitzt mit zerzausten Haaren im ProSieben-Büro: roter Kapuzen-Pulli mit weißem Aufdruck, Jeans und Turnschuhe. Er ist unrasiert und gerade erst - verspätet - beim Sender eingetroffen. Er hat auf dem lederbezogenen Bürostuhl Platz genommen und scheint das stetig wachsende Interesse an seiner Person irgendwie über sich ergehen zu lassen, weil Klappern eben auch zum Handwerk gehört: neue Show, neuer Film, ein weiteres Kino-Engagement in Griffweite - Ulmen gibt sich wie der Kumpel vom Nachbarhaus, mit dem man sich gerne mal auf ein Bierchen verabreden würde. Mit der Zeit sei er schmerzfrei geworden, "mir ist nicht mehr so viel peinlich, wie es früher vielleicht war." Wieso? Vielleicht liegt es an der neuen Nerv-Show "Mein neuer Freund" bei ProSieben, die er im Herbst abdrehte. Acht Folgen geht er da anderen Leuten gehörig auf die Nüsse, und hat dabei noch so einiges gelernt.

Der 29-jährige Berliner zieht sein Ding durch. Hätte keiner so wirklich gedacht, dass aus der MTV-Ulknudel einmal ein ernst zu nehmender Schauspieler würde, der darüber hinaus über einen gehörigen Batzen Talent verfügt. "Herr Lehmann" war Christian Ulmens Durchbruch auf der Kinoleinwand, dafür bekam er den Bayerischen Filmpreis. Gerade hat er seinen mittlerweile dritten Film "Der Fischer und seine Frau" (Regie: Doris Dörrie) mit Alexandra Maria Lara ("Der Untergang") und Simon Verhoeven ("Das Wunder von Bern") abgedreht, vorher kommt aber - nach längerer TV-Abstinenz - "Mein neuer Freund". Darin kann ein Kandidat 10.000 Euro gewinnen, wenn er es schafft, einen ihm fremden Typen ein Wochenende lang zu Hause bei sich zu beherbergen ohne durchzudrehen. Das ist gar nicht so einfach, denn der neue beste Kumpel ist eine tierische Nervensäge.

Ulmen selbst schlüpft dabei in Rollen, die mehr Klischee als Charaktere sind: der Therapeut, der alles und jeden angrabscht, der Kiffer, der ständig stoned ist, oder ein Alien-Fan, der überall Verschwörungen aufdecken will. Fazit: Ein Freund kann ganz schön nerven - vor allem, wenn man Christian Ulmen heißt. "Eine Kandidatin hat mir angedroht, mich vom Balkon zu schubsen. Sie war sehr wütend, hat geschrien: 'Ich bring dich um'. Das war beängstigend", erinnert sich Christian an die Drehzeit. Wie es zu dieser Szene kam? "Kleine, nervige Banalitäten haben sich angesammelt. Nachts habe ich die Kandidatin nicht schlafen lassen, weil ich sie mit meiner Kamera filmen wollte - das hat sie zur Weißglut getrieben. Und als sie Besuch bekam, hab' ich das Essen versalzen. Normalerweise würden sich niemand bei einem versalzenen Essen aufregen, doch im Rahmen meiner Rollen war ich wie ein Tinitus im Ohr, den du nicht mehr wegbekommst."

Alles in allem sei das aber ganz lustig gewesen: "Die Typen, die ich spiele, sind ja nicht böse, sie sind harmlos, naiv - vielleicht Idioten. Die tun nichts Böses, sondern nerven einfach." Seine Rollen haben aber absolut nichts mit dem Privatmann Christian Ulmen zu tun, versichert er. Was ihn selbst nervt? "Nicht viel. Wenn einer meiner Freunde kommen würde und plötzlich aufstößt, dann wüsste ich: 'Toll ? jetzt kann ich auch rülpsen'." Er muss lachen. "Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Wenn einer stinkt? toll, ich brauch' mich auch nicht waschen". Wenn der gebürtige Hamburger einmal in Fahrt gekommen ist, hält ihn so schnell keiner auf. Aber schließlich erklärt er: "Leute, die Marotten haben, finde ich viel spannender. Mich würde viel eher nerven, wenn jemand zugeknöpft ist." Der Schauspieler mimt nicht nur den Lausejungen, er ist einer. Und er nimmt die Welt nicht so ernst und sich selbst nicht so wichtig, wie es manche seiner Kollegen tun. Das sind seine Pluspunkte.

Er selbst sei durch diesen Job "schmerzfreier" geworden. Doch frei von natürlicher Scham ist selbst ein Lebemann wie Christian Ulmen nicht. "Früher empfand ich Kussszenen als etwas Unangenehmes, zum Beispiel bei 'Herr Lehmann'. Bei 'Der Fischer und seine Frau', den ich nach 'Mein neuer Freund' drehte, hatte ich viele Liebesszenen, die mir dann nicht mehr so peinlich waren. Du lernst, über Hemmschwellen zu treten." Und noch etwas über seine Mitmenschen hat er gelernt: "Die Leute behandeln dich scheiße, wenn du scheiße aussiehst. Ich bin oft durch Köln gegangen und habe mit verschiedenen Kostümen getestet, wie man auf mich reagiert. Einmal saß ich als abgetakelter Proll verkleidet in einer Kneipe und wollte einfach nur ein Bier bestellen, doch die Bedienung hat mich ignoriert und unfreundlich behandelt. Ich habe gedacht: 'Blöde Kuh: Ich sehe zwar aus wie ein Idiot, aber du kannst mir doch mein Bier bringen' ..."

(TELESCHAU, 17.12.2004)

Gelb-grelles Hühnchen, großmäuliger Show-Host, vielversprechender Mime, Querkopf im Fischauge, euer Freund, neuer bester Freund? Wer ist Christian Ulmen?