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Interview mit Christian Ulmen am 06.03.2007, PotsdamEin gezieltes StolpernChristian Ulmen über die Grenzerfahrung Serie, den Polizeipsychologen Max Munzl und das Ende der QuotendiskussionHerr Ulmen, vor zwei Jahren haben wir uns im Grell-Eck getroffen, an der Prenzlauer Allee, heute in der Villa Kellermann in Potsdam. Das ist aber weniger symbolhaft als es scheint. Letztes Mal war das Grell-Eck näher. Diesmal die Villa Kellermann. Schon genervt von den vielen Interviews? Nein. Der Tag ist noch jung. Es ist noch nicht alles gefragt worden. Welch ein Glück. Die Dreharbeiten zu "Dr. Psycho", Ihrer neuen Serie auf ProSieben, mussen dagegen eine Tortur gewesen sein. Tortur ist zu hart formuliert. Es war anstrengend. Wir mussten durch ein relativ hohes Pensum in kurzer Zeit. Es hat uns aber nicht daran gehindert, Sachen so oft zu drehen, bis sie passen - das war die Anstrengung. Darum dauert ein Dreh dann manchmal von 8 Uhr morgens bis 22 Uhr. Das schlaucht, aber es ist nichts woran man zu Grunde geht. Sie haben im Hochsommer gedreht, bei 40 Grad im Schatten, die Maskenbildner haben Ihnen die Gesichter mit Eis gekuhlt. Zusätzlich trug ich wahrend der gesamten Drehzeit einen dicken Cordanzug. Die Hemden waren ständig vollgeschwitzt. Mein Filmhund musste mit Fleischwurst gefüttert werden. Der fraß kein Trockenfutter. Ich trug die Fleischwurst in einer Tüte im Anzug. In der Hitze hat sie sich aufgelöst, zu einer Wurstmasse, und ich fing an danach zu stinken. Der Hund hatte sonst nicht gespurt. Der Hund musste es riechen, damit er mich mag. Der erste Hundetrainerin sagte: Der isst nur Fleischwurst. Erst in der letzten Drehwoche kam eine zweite Trainerin, und gab ihm Trockenfutter. Immerhin, in der letzten Woche war ich vom Gestank befreit. Eine Ihrer Kolleginnen hat es mir verraten: Sie haben trotz der Anstrengung noch Kraft übrig gehabt, das Team bei Laune zu halten. Das macht man auch aus Eigennutz, fur sich selbst, um bei Laune zu bleiben. Und es setzt irgendwann ein Lagerkoller ein, man wird gaga. Es ist heiß. Es sind drei Monate lang dieselben Menschen, mit denen man sehr eng arbeitet. Irgendwann fühlt sich das an, als habe man sieben Nächte nicht geschlafen. Dann dreht man durch. Man fängt an, sich zu berühren, sich als wüste Provokation in den Arm zu nehmen. Man entwickelt Sonderlichkeiten, die kurz vorm Wahnsinn stattfinden. Bei einer Klassenfahrt beweist sich der Klassenclown als wahrer Unterhalter. Ohne dass er es will, vielleicht. Nun ist ja Hinnerk Schönemann jemand, der noch mehr zum Clownesken neigt. Und der sehr komisch ist! Man entwickelt ein merkwürdiges, inniges Verhaltnis miteinander. Fur einen Ausenstehenden wirkt es wie Irrenhaus. Leidet dann die Konzentration? Nein, durch sie entsteht dieses Verhalten ja erst. Als Kompensation zur Konzentration wahrend der Aufnahmen. Sie haben Ihre Herangehensweise an Film und Fernsehen mal mit der Lust an Grenzerfahrungen beschrieben. Da kann man eine Fernsehserie nicht einordnen, oder? Es gibt es innerhalb der Geschichte Grenzerfahrungen. Es ist beispielsweise eine peinliche Situation, in Unterhemd und Unterhosen einen Geiselnehmer davon zu überzeugen, einen Fluchtwagen einzufordern. Diese Momente gibt es innerhalb der Szenerie, sie werden nicht in der Realität erzeugt wie bei "Mein Neuer Freund" Dennoch, gemessen an vorangegangenen Projekten wirkt das Format eher konventionell. Ist die Zeit des Experimentierens vorbei? Nein. Die Vermengung von komischer Komik mit echtem Ernst hat es in dieser Form noch nicht gegeben und ist darum auch wieder ein Experiment. Und es ist ja auch ein Experiment, etwas zu machen, womit man mal eine Quote erzielen kann. "Dr. Psycho" hat die Chance, einem breiteren Publikum zu gefallen. Heißt nicht, dass das nächste Ding nicht wieder gänzlich anderer Natur ist. Außerdem: Irgendwann ist es langweilig, nur offensichtlich Experimentelles zu machen. Da muss man eine Mischung hinkriegen. Und sich nicht im "Andersseinwollen verheddern", wie Sie es mal formuliert haben. Ja. Das war das Problem bei Fernsehprojekten, die ich früher in stillen Kammerleins ausprobiert habe. Für mich besteht die Herausforderung inzwischen darin, es mir einfacher zu machen. Hat es Sie gereizt, eine Figur längerfristig aufzubauen? Ja, sie in einer zweiten Staffel weiterzuentwickeln, was in Deutschland ja ein Glücksspiel ist - je nachdem, ob im Teletext am nächsten Morgen eine 8 oder ein 11 hinter unserer Sendung steht. Wenn die Chance zu einer Fortsetzung besteht, liegt darin eine große Kraft. Die Möglichkeit, eine Figur zu entwickeln in einem langen Erzahlstrang, finde ich sehr reizvoll. Ich habe irgendwann angefangen, Serien zu gucken. Hab ich fruher nie gemacht. Ich habe festgestellt, dass es wirklich gute Serien gibt. "Six Feet Under", Die "Sopranos", aber auch "Friends", und "Dr. House". Die US-Serie, auch die britische, gilt im Gegensatz zu den deutschen Produktionen als ein kreatives Biotop. "Dr. Psycho" kann man allerdings nicht vorwerfen, es sei ein Plagiat, oder eine Kopie. Es ist die alleinige Idee von Ralf Husmann. Die Form von Humor. Es gibt sicherlich Krimi-Comedys, Action-Comedys, und so weiter. Aber diesen subtileren Humor zu verknupfen mit Krimi: Da hat Husmann etwas geboren. Ralf Husmann, der Produzent und Headwriter von "Dr. Psycho", hat viel Fernseherfahrung. In Verbindung bringt man ihn aber mit "Stromberg". Ich habe Ralf Husmann bei Brainpool kennengelernt, als ich dort "Mein Neuer Freund". gedreht habe. Er hat mir von seiner Idee der komischen Krimiserie erzahlt, da kamen wir zusammen. Das Buch zum Piloten war genial. Man muss sich natürlich beim Lesen immer davon frei machen, von wem das kommt. Allerdings guckt sich sicher jeder Schauspieler ein Buch in absolut freudiger Erwartung an, wenn es von Ralf Husmann kommt. Die Besetzung von "Dr. Psycho" erscheint exquisit. Husmann hat vor der Produktion gesagt: Es wird keine Christian-Ulmen-Show. Ich nehme an, Sie haben ihn trotzdem widerlegt. Nein. Es ist ein Ensemble-Spiel und lebt vom Miteinander. Es gibt viele Momente, die nur vom Spiel eines Hinnerk Schönemann oder einer Anneke Kim Sarnau leben, beispielsweise. Es kann gar keine Christian-Ulmen-Show sein, denn die Komik entsteht da, wo ein Geisteswissenschaftler auf eine hartgesottene SoKo trifft. In dieser Reibung. Du kannst ja nicht alleine reiben, das ware Schweinkram. Ihre Hauptfigur, Max Munzl, ist Psychologe. Hat Ihnen jemand Pate gestanden? Man hat Psychologen in seinem Bekanntenkreis und eine Vorstellung, wie die drauf sind. Für mich stand aber nicht der Beruf im Vordergrund, sondern: Wie ist dieser Munzl? Er ist zufällig auch Psychologe. Munzl ist ein Theoretiker, kommt frisch von der Uni. Er sagt Dinge wie: "tippi toppi" oder "bekaspern". Was hat er uberhaupt bei der Polizei zu suchen? Er wurde eingestellt aus der Überlegung: Wie kann die Polizeiarbeit modernisiert werden? Was können wir anders machen, wie machen das die Amerikaner? Die haben doch auch Profiler. Und dann kommt ein Psychologe, wie die Psychologen nun mal sind in Deutschland. Vielleicht war Munzl auch gar nicht die erste Wahl? Was hat er denn vor? Munzl will die Welt gerechter machen. Gegen das Böse, die Verbrecher angehen. Er idealisiert die Aufgabe, und er hat ein Fernsehbild, eine infantile Vorstellung: Ich kann jetzt eine Waffe in die Hand nehmen oder eher dabei sein wenn meine Kollegen eine Waffe in die Hand nehmen und Gangster jagen. Im Polizeialltag ist er ein Fremdkörper. Eine typische Ulmen-Konstellation. Ja: Mir kam letztens beim Autofahren ein Fremdkörper zwischen Aufhangung und Bremse. Da quietscht es. Da entsteht Reibung, geht unter Umstanden auch mal was kaputt. Aber man wird mal wieder wach. Wo liegen die Konflikte zwischen Munzl und der SoKo? Die SoKo muss innerhalb von Sekunden entscheiden: Über ein Verdachtigen, einen Mordverdacht, mit all der Erfahrung, die man als Mitglied der SoKo haben muss. Munzl hat nun gar keine Erfahrung. Er macht das mit seinem analytischen Denken, dass er sich über all die Studienjahre angeeignet hat, mit seinem Verstandnis von Psychologie. Das geht komplett konträr. Ich hatte den Eindruck: Er denkt nicht bevor oder während, sonder indem er redet. Er verlasst sich darauf: Wenn er den Mund aufmacht, tun die Gedanken ihr Übriges dazu, dass das Sinn macht, was herauskommt. Ein Meister im sich Herausreden. In einer prekären Situation, bei einer Geiselnahme, fangt Munzl an, Witze uber Globalisierung zu erzählen. Er scheint seine Überlebenschance im Plappern zu sehen. Ja, das macht er immer. Er hat dann das GefÜhl, zu sein. Und das Sein beruhigt ihn. Sein Privatleben liegt in Trummern. Er hat eine Noch-Ehefrau, Lena. Sie bezeichnet ihn als "nicht lebensfahig". Die Beziehung ist voll von Problemen. So stellen Olivenschiffchen fur ihn eines dar. Olivenschiffchen bedeuten für ihn: Da läuft etwas in die falsche Richtung. Und dass jemand keinen Führerschein hat, das weiß ich aus eigener Erfahrung, kann für das Umfeld richtig schwierig sein. Dass man sich falsch anzieht? Ich glaube, dass Menschen, die sehr viel mit dem Kopf machen, ständig analysieren mussen, oft als nicht lebensfahig erscheinen. Weil die Synapsen keinen Platz mehr haben für alltägliche Verrichtungen. Das Hirn hat nicht mehr genug Arbeitsspeicher frei, um die Hande so zu steuern, dass das Hemd richtig sitzt. Man leidet auch mit, wenn er an seinem ersten Arbeitstag mit einer riesigen Bananenkiste ankommt. Funktioniert der Zugang zum Serienhelden bei Max Munzl über Mitleid? Nun, das wurde ihn in eine Opferrolle drangen. Er ist durchaus ein guter Psychologe. Er kann etwas, und er ist schätzenswert in seinem Idealismus. Natürlich kann er einem manchmal Leid tun. Wenn er versucht, mit einem "Mexikanischen Feuertopf". seine Beziehung zu retten. Da kommt auch Mitleid auf, ja. Munzl selbst will aber auf keinen Fall bemitleidet werden. Das fühlt sich an nach: Verlierer. Gescheitert. Dann wurde er mir leid tun: Wenn Leute ihn bemitleiden. Aber das bleibt wahrscheinlich nicht aus. Hat er denn das Potential, ein Held zu werden? Er gibt dem Zufall eine Chance. Er stolpert einer Lösung entgegen? Er kann natürlich auch was. Eine Art gezieltes Stolpern. Wird den Ermittlungsfallen denn ernsthafte Beachtung geschenkt? Ja. Vor allem: Es ist ein realistischer Krimi! Es geht nicht um Attentat auf George Bush vereiteln, sondern: Kleinganoven überfallen eine Spielhalle. Oder Zwangsprostitution, Türkenmafia. Es sind alltägliche Fälle. Um Munzl herrscht ein sehr rauer Ton, die Sprache der Kriminalbeamten strotzen vor Political Incorrectness. Hatten Sie dieses Mittel reduziert, wenn Sie die Möglichkeit gehabt hatten? Nein. Ich mag es gern, wenn es politisch unkorrekt wird. Alles andere wäre bieder. Es gibt solche Momente. Wenn ich im Hotel an einem Buffet stehe, und da kommt eine wahnsinnig dicke Frau, nimmt sich hier noch ein Bisschen Mousse Au Chocolat, dort noch etwas Vanillesauce. Ich denke dann: Du solltest vielleicht ein kleines Bisschen weniger nehmen. Nimm doch lieber die Erdbeeren, liebe dicke Frau. Dass kann auch einem Polizisten passieren. Wenn jemand aussieht, als hatte er die ganze Nacht vor der Haustuur übernachtet, und dann mit polnischem Akzent spricht. Der Polizist denkt: Wenn da nicht das Auto gleich weg ist. Jeder Mensch hat manchmal Arschloch-Gedanken, die auf Vorurteilen basieren. Da muss man sich natürlich im Griff haben, sich dieser Arschlochhaftigkeit bewusst sein, aber die Existenz solcher Gedanken ist schlicht nicht von der Hand zu weisen. Und da machen eben auch Polizisten keine Ausnahme. Das wird in "Dr. Psycho" konsequent ausgespielt. Finden Sie das falsch? Immens gestört hat es mich nicht. Ich finde es manchmal etwas gewollt. Ach, Pipifax! Das entsteht eben, wenn die Polizisten untereinander reden. Sie reden insgesamt viel. Ja, es ist ein Krimi mit Wortwitz. Darin unterscheidet er sich von anderen Krimis. Natürlich wird viel geredet. Aber wenn man sich auf eine Psychologen-Serie einlasst, muss man damit rechnen, wie man bei einem Zirkus damit rechnen muss, dass auf einem Seil getanzt wird. Sicherlich gibt es auch Momente der Stille. Es gibt eine Geiselnahme, betroffenes Schweigen, und Munzl sagt kurz etwas uber Globalisierung. Was die Sprache angeht, hat man bei manchen Begriffen das Gefühl: Hier hat Ulmen das Drehbuch an sich gerissen. Wenn Munzl an einen Schalter "ditscht", beispielsweise. Das kann schon passieren. Der Text ist aber wahnsinnig mundecht geschrieben. Es ging mir zuletzt bei "Herr Lehmann" so: Man muss das Drehbuch nur vorlesen, und schon stimmt es. Ich musste mir kaum ein Wort mehr mundgerecht drehen. Wenn man sich die Eintrage in der Unterschriftenliste zu "Mein Neuer Freund" durchliest und die Euphorie sieht, mit der Sie als Fernseh-Revoluzzer gefeiert werden, fragt man sich, ob daraus nicht eine große Anspruchshaltung der Fangemeinde resultiert. Ja, mit Sicherheit. Ich habe einen Eintrag in einem Forum gelesen, "oh Gott, jetzt gibt es Dr. Psycho, jetzt wird der Ulmen die Leute bestimmt richtig krass fertig machen. Jetzt auf der Couch und so, krass!", der wird sicherlich enttauscht werden, denn so wird das nicht. Wenn es immer meine Motivation, meine Lust war, eine Erwartungshaltung zu brechen, dann muss ich auch die Erwartungshaltung der mir wohlgesonnenen Anarcho-Freaks brechen. Es gab Freunde von "Herr Lehmann", die bei "Mein Neuer Freund" vollig vor den Kopf gestoßen waren. Die dachten: Er war doch ein guter Mensch als Herr Lehmann, jetzt bringt er plotzlich arme Mädchen zum Weinen. Ich mache mir da nichts vor: "Dr. Psycho" ist breiter angelegt als "Mein Neuer Freund", allerdings definitiv ohne dass ich mich dabei verbogen hatte. Ich habe ohnehin nicht das Gefuhl, dass ich je etwas gemacht habe, bei dem mich oder meine Vorlieben verraten habe - etwa fur eine Einschaltquote. Eine solide Quote hieße doch, eine Sorge weniger? Und dass dieses Thema in der Nachbetrachtung nicht omnipräsent ist? Es wird generell zu viel über die Quote gesprochen. Es geht doch generell nur den Sender und die werbetreibende Wirtschaft etwas an. Sie aber dauernd zum Gegenstand feuilletonistischer Berichterstattung zu machen, finde ich übertrieben. Merkwürdig, dass ich mir trotzdem eine gute Quote wunsche. Die mussen ja nicht immer herhalten: Wann wurden Sie selbst eine Fernsehsendung als Erfolg oder als Flop bezeichnen? Ich wurde von einem Flop sprechen, wenn etwas am eigenen Anspruch scheitert. Wenn ich sage: Ich mache Hochglanzfernsehen, aber was ich hergestellt habe, ist Trash, bin ich gefloppt. Wenn ich eine Show mit 20 % Marktanteil machen will, und sie schafft es nicht, bin ich auch gefloppt. Wenn ich aber sage: Ich will eine Sendung machen, die aneckt, und sie eckt an, dann ist sie ein Erfolg. |
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Gelb-grelles Hühnchen, großmäuliger Show-Host,
vielversprechender Mime, Querkopf im Fischauge,
euer Freund, neuer bester Freund?
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