WAMS, 23.01.2005

Eine ewig quälende Frage: Liegt es an mir oder am anderen?

Christian Ulmens "Mein neuer Freund" ist die moralischste Sendung im deutschen Fernsehen

Im Grunde geht es um ein Gedicht von 1827, Edgar Allen Poe hat es geschrieben. Er beklagt darin die Endlichkeit aller Freundschaft, und am Ende steht die Frage, ob denn alles, was wir zu sein glauben, nicht nur ein Traum ist, innerhalb eines weiteren Traumes.

Es geht um eine Fernsehserie, die mehr anzubieten hatte als Unterhaltung, mehr eigentlich auch als Fernsehen allgemein. Wer am 10. Januar die erste Folge von "Mein neuer Freund" eingeschaltet hatte, der glaubte schon bald, sich verschaltet zu haben - was auf dem Bildschirm sich abspielte war weder Schauspiel noch Newsflash, schon eher war es das Treiben vor der Mündung zu einem weiteren Traum. Wer das lachend und atemverstockend durchstand, der war nicht mehr überrascht, als er davon lesen mußte, daß der Sender Pro Sieben diese Serie nicht fortsetzen wolle.

Träume laufen nicht vom Band, sie gehen auseinander hervor, sie halten sich auch nicht an Verabredungen und Terminpläne. Bei Pro Sieben, hieß es dann, suche man nun nach einem optimaleren Sendeplatz für "Mein neuer Freund".

Mit der als schlecht bezeichneten Quote hatte diese Suche weniger zu tun als mit einem Sendungsbewußtsein, man war sich nach Ausstrahlung der ersten Sendung darüber bewußt geworden, daß es sich bei Christian Ulmen um keinen Unterhalter handelte, eher schon um einen auktorialen Erzähler, daß es sich bei "Mein neuer Freund" weniger um eine Unterhaltungssendung handelte, sondern um etwas aus dem Zwischenreich von Traum und Mythos, einer Art von moralischem Gerät also, das sachte anstrengt und dabei nachhaltig verstört.

Es geht bei dieser Fernsehserie um eine Idee, die sich zunächst lustig anhört: Ein Mann oder eine Frau werden mit 10 000 Euro belohnt, wenn sie es fertigbringen, drei Tage mit einer wildfremden Person zu verbringen. Zu ihrer Aufgabe gehört es zudem, diese Person vor Freunden und Familie als ihren neuen Freund zu behaupten. Keiner von ihnen macht sich jedoch einen Begriff davon, wie nachhaltig verstörend sich ihr Durchstehen dieser drei Tage gestalten würde. Es wird ein Videotagebuch geführt, bereits in der ersten Folge sah man die Gastgeberin dabei verzweifelt, nach dem zweiten Tag rang sie mit der Frage, ob sie eher sich oder den neuen Freund umbringen müßte, um ihrer Qual ein Ende zu schaffen.

Es ist genau diese Frage, ob es an mir oder an dem anderen liegt, die den Verlauf der drei Tage so quälend macht. Die ausstehende Belohnung tritt bald in den Hintergrund. Die Gastgeber halten nicht wegen des Geldes durch, sondern um ihre Stärken zu beweisen. Ihre Güte vor allem.

Christian Ulmen ist in seinen Verkörperungen bei jedem Mal schwer erträglich. Dieses aber vor Kameras zuzugeben, das verbietet den Kandidaten unsere gesellschaftliche Konvention, nach der es gilt, differenziert zu denken, wenn möglich auch so zu empfinden, aufgeschlossen zu wirken, dabei auf den anderen, das Miteinander bezogen.

Daß aber diese gesellschaftliche Konvention selbst eine normative Gewalt besitzt, das darzustellen ist die eigentliche Idee dieser Serie. In den Worten des Titels "Mein neuer Freund" schwingt der Stolz mit. Man sieht gleich in die neugierigen Gesichter, die prüfend, abschätzend den Wert ihres Gegenübers neu taxieren. Wer sagt: das ist mein neuer Freund, der wagt sich vor und riskiert einiges. Denn nicht nur er selbst, auch die alten Freunde, die Familie muß mit dem Neuen leben wollen. Doch in der Sendung ist diese Freundschaft ja bloß verordnet. Das Risiko aber bleibt bestehen. Wer auch immer dort seinen neuen Freund vorstellt, begeht zwar ein ums andere Mal den Verrat an den Nahestehenden, doch woher kommt eigentlich dieses Selbstbewußtsein, das Erlebte damit entkräften zu können, daß es sich doch bloß um ein Spiel gehandelt habe?

"Mein neuer Freund", dieses moralische Gerät, ist kein Affentheater, wie die ungleich aufwendiger inszenierte Variante "Mein dicker Verlobter" bei RTL es eines war. Christian Ulmen schafft es durch seine Verkörperungen von sonderlichen Freunden, das moralische Empfinden in den Zuschauern zu wecken. An sich besitzt diese Sendung somit einen Wert, der durch Werbeeinnahmen nicht aufzuwiegen ist. Der optimalere Sendeplatz im Programm von Pro Sieben wurde mittlerweile gefunden: Beginnend mit dem 24. Februar laufen die nächsten Folgen immer donnerstags, 23.15 Uhr.

Der spätere Zeitpunkt ist tatsächlich der optimalere, man kennt das von dem Fremdsprachenerwerb: kurz vor dem Einschlafen Gesehenes und Gehörtes prägt sich intensiv ein, wird unvergeßlich. Christian Ulmen wird massenhaft Einlaß gewährt finden in einen weiter und weiter werdenden Traum. Joachim Bessing

Gelb-grelles Hühnchen, großmäuliger Show-Host, vielversprechender Mime, Querkopf im Fischauge, euer Freund, neuer bester Freund? Wer ist Christian Ulmen?